"Mode ist eine so unerträgliche Form der Hässlichkeit,
dass wir sie alle sechs Monate ändern müssen."
(Oscar Wilde, irischer Schriftsteller, 1854 - 1900)
"Kleidung und Mode im Mittelalter" ist in seiner englischsprachigen Originalausgabe unter dem Titel "Medieval dress and Fashion" bereits 2007 erschienen. Die Buchautorin Margaret Scott war mehrere Jahre als Leiterin der Abteilung Dress History am Courtauld Institute of Art in London beschäftigt. Darüber hinhaus berät die studierte Philologin und Historikerin auch andere Museen in Fragen der Kleidungsgeschichte.....
.....und macht in ihrer Einleitung klar, dass anders als in der Gegenwart, in der Mode und Kleidung häufig als Synonyme gebraucht werden, beide Begriffe im Mittelalter vollkommen verschiedene, oftmals auch konträre Verwendung fanden. Mode wurde im Sinne von "Novität" verstanden, die aufgrund ihrer Kosten und manchmal per Gesetz der gesellschaftlichen Oberschicht vorbehalten war. Der "dernier cri" war oftmals skandalöser Natur und wurde daher von Moralisten angeprangert. Dem gemeinen Volk bliebt die zweckmäßige und preisgünstige Kleidung. Anders als die meisten anderen Historiker definiert Scott das Mittelalter modemäßig und bekleidungstechnisch gesehen für den Zeitraum 840 bis 1570 n. Chr. Sie weist darauf hin, dass sich Bekleidungsstile kaum mit Architekturstilen vergleichen lassen. Auch gab es keine romanische oder gotische Kleidermode. Als Quellen und Anschauungsmaterial dienen ihr die "Illustrierten Handschriften" zwischen Mittelalter und Renissance....
.....die sie dem Leser in sechs Kapiteln vorstellt. Das erste Kapitel "Kleider für die Reichen und Berühmten (840 - 1100)" beginnt mit dem Anfang der Bekleidung, die nach der Vertreibung aus dem Paradies erforderlich geworden war (S. 11 ff.) und befasst sich mit der herrschaftlichen Bekleidung zur Zeit der Karloinger und Ottonen, die sich an den Prunk der Byzantiner anzulehnen versucht. Kapitel II ist den "Anfängen der Mode (1100 - 1300)" gewidmet, als sich Ritter und Edelfräuleins durch modische Kleidung hervortun und Eindruck schinden wollten. Der Kontakt mit dem Orient tat ein übriges, wie der Krönungsmantel König Rogers II. von Sizilien (S. 43) besonders deutlich macht. Zahlreiche Illustrationen zeigen auch, dass zum Teil auf biblische Bekleidung zurückgegriffen wurde.
"Mode und Moral" sind das Thema des 14. Jahrhunderts. Szenen von Männern, die in Unterwäsche vor einen Chirurgen treten, lassen erkennen, dass bei all der großen Sorgfalt, die auf Oberbekleidung gelegt wurde, die Unterwäsche vernachlässigt wurde (S. 67). Eng anliegende Gewänder waren wie offen getragenes Haar unverheirateten Frauen vorbehalten. Heraldisch dekorierte Frauenkleidung war macherorts weniger Audruck der Mode, d. h. Der Suche nach etwas Neuem, sondern schlicht ein Statussymbol. Darüber hinaus spielte Kleidung auch bei Zeremonien, wie einer Königskrönung eine besondere Rolle. Die Meinungen über enganliegende Wämser und Beinlinge in vertikaler Teilung (mi-parti) reichten von schick bis anrüchig. Eine besondere modische Entgleisung war der bis zu 60 cm lange Schnabelschuh, den die Ritter, um überhaupt kämpfen zu können, schließlich abschneiden mussten (S. 97).
Gleichwohl es 14. Jahrhundert auch einem prosperierenden Bürgertum, der Handwerker und Händler möglcih wurde, sich den einen oder anderen modischen Aspekt leisten zu können, blieb dies Tagelöhnern und Bauern verwehrt. Die Menge an verfügbaren Informationen über Kleidung hatte dadurch zwar quer durch alle gesellschaftlichen Schichten zugenommen, von einer "Kleidung für alle Klassen", wie die Überschrift des vierten Kapitels suggeriert, konnte jedoch noch keine Rede sein. Das sechste und letzte Kapitel "Kleidung gestern und heute" beschreibt schließlich eine "praktische Mode", die aus einer Mischung von Kleidungsstücken verschiedener Herkunft hervorgegangen ist. So wurde besipielsweise für einen Auftritt in Venedig zu einem lombardischen Sayon ein spanischer Umhang und eine genuesische Kappe getragen (S. 140). Manche Zeitgenossen besaßen sehcs oder mehr "Kleidungsensembles". Eine solche Prunksüchtigkeit wurde vom englischen Staatsmann Thomas More (1478 - 1535) als Prunksucht verurteilt. Der katholische Humanist,den König Heinrich VII. (wegen seiner Weigerung einen Eid auf die königlichen Nachkommen zu leisten) enthaupten ließ, beschreibt in seinem 1516 erschienenen Werk, wie sich die Bewohner Utopias mit einem einzigen neuen Bekleidungsstück, das sie alle paar Jahre erhielten, zufrieden gaben (S. 141). Mit der als "flandrisch" benannten Frauenkleidung in den 1570er Jahren lässt die Autoren ihr Modemittelalter in die Gegenwart übergehen, bevor ein Glossar, ein fünfseitiges, nach Themenbereichen gegliedertes Literaturverzeichnis und ein Register den mit 120 farbigen Abbildungen ausgestatteten, großformatigen Band abschließen.
Neben der Beschreibung von Mode und Kleidung ist es Margaret Scott vor allem gelungen, die dahinter stehenden gesellschaftlichen Verhältnisse auf zu zeigen. In diesem Sinne leistet ihr Buch auch einen zu beachtenden Beitrag zur soziologischen Betrachtung der Zeit zwischen 840 - 1570.
Da Mode bis heute auch als soziologisches Phänomen zu betrachten ist, gibt es 5 Amazonsterne!