Zweifellos zeigt der Fotograf Hans Silvester in seinem Bildband faszinierende Porträts von Angehörigen der Surma und Mursi, die am unteren Omo in Äthiopien leben. Nur bilden diese phantasievollen Arrangements keine gewachsene Tradition ab, wie es im Text anklingt. Stattdessen zeigen sie eine ganz junge Entwicklung.
Ich habe das Omogebiet seit 1982 regelmäßig besucht. Damals schmückten sich die Menschen dort mit Schmucknarben und - zu besonderen Gelegenheiten - mit einer Körperbemalung. Dazu wurde fast ausschließlich eine weiße Kalkfarbe verwendet.
Als dann die ersten Touristen den Omo besuchten, waren es vor allem die sog. Tellerlippenfrauen, die als Fotomotive begehrt waren. Vor allem die Mursi lernten schnell, dass sich mit diesen Fotos Geld verdienen ließ.
Auch die Körperbemalung ließ sich gut vermarkten. Da der Touristenstrom an den Omo ständig zunimmt, laufen viele Menschen dort nun ständig bemalt herum. Je ausgefallener die Bemalung, desto größer die Chance, fotografiert zu werden. Nähert man sich einem Dorf, so werden einem schon von weitem die Preise für Fotos entgegen gerufen. Die Menschen konkurrieren lautstark und hektisch darum, fotografiert zu werden. Dabei geht es recht hitzig zu und eine wirkliche Begegnung kann gar nicht stattfinden.
Irgendwann kamen dann die professionellen Fotografen, die eindrucksvolle Bildbände herausbrachten. Auch unter ihnen gibt es eine Konkurrenz um die spektakulärsten Fotos. Und bald reichten offenbar die Bilder der traditionell geschmückten Surma nicht mehr aus. Immer verwegener musste deren Ausstattung sein, um sich noch vermarkten zu lassen. Durch die Konkurrenz vor Ort und unter den Fotografen wie Hans Silvester sind wahrlich aufregende und ästhetische Arrangements entstanden. Aber mehr sind diese Bilder auch nicht, keinesfalls sind sie Abbilder von etwas "Ursprünglichem".
Sie sind vielmehr das Ergebnis von Angebot und Nachfrage auf einem umkämpften Markt - hier wie dort.
Bücher wie dieses haben eine fatale Wirkung: sie bilden etwas künstliches ab, geben es aber als natürlich und authentisch aus und wecken bei viel zu vielen Betrachtern den Wusch "dort unten im tiefsten Afrika" auch derartige Bilder zu "schießen".Vor Ort kommt es zu einem wahren "Clash of civilisations". Bei diesem surrealem Aufeinandertreffen findet eines gewiß nicht statt: Begenung.
Unbewußt tragen die Besucher zur Zerstörung einer "Ursprünglichkeit" bei, nach der sie sich eigentlich sehnen.
Ich gebe dem Buch daher lediglich( und das auch nur wegen der wirklich brillianten Fotos)zwei Sterne.