Spätestens seit "Trainspotting" wissen wir es - Irvine Welsh schreibt keine Bücher, um Botschaften zu verbreiten, er ist keiner, der sich in Milieus reinrecherchiert, um mit mahnendem Finger auf gesellschaftspolitische Themen zu verweisen.
Irvine Welsh ist extrem, so wie er kann nur jemand schreiben, der den Alltag genau kennt.
Die Protagonisten seines Romans "Klebstoff" Terry, Bill, Andy und Carl sind wie nahe zu alle Welshen Figuren in einer asozialen Edinburgher Vorstadt aufgewachsen sind. Eine Welt, in der Gewalt, Perspektivlosigkeit und Drogen regieren, in der jede Form von Schwäche unnachgiebig bestraft wird. Vier Dekaden lang verfolgt der Roman die tragische, gelegentlich amüsante, oft bewegende Geschichte der vier Helden, ihrer Saufkumpane und Familien. Terry, der Dauergeile, der seit einem Job als Mineralwasserlieferant nie wieder ehrlich gearbeitet hat, aber auch als fetter Dreißigjähriger noch immer erfolgreich die Weiber aufreißt. Billy, der emotionsarme Boxer, der sich von der Mafia kaufen lässt. Andy, der tragische Chaot, der dem AIDS-Tod zuvorzukommen versucht. Und Carl, der ruhige Schöngeist, der als Discjockey internationale Karriere macht.
Verpfeife niemals weder Freund noch Feind, schlage keine Frauen, stehe stets zu Deinen Freunden, kauf' dir jede Woche 'ne neue Platte - so die wichtigsten Gebote des Ehrenkodex der Edinburgher Beinahe-Slums, nach dem die Vier in "Klebstoff" zu leben versuchen.
Aus wechselnden Perspektiven erzählt Welsh im breitesten Slang seiner Protagonisten vom Schattendasein zwischen Pub, Maloche, Droge, Diebstahl, Sex und Männerfreundschaft. Alle vier häufen Schicksalsschläge an, werden betrogen, betrügen selbst, werden beraubt und berauben selbst, wenn sie nicht gerade saufen oder Pillen einschmeißen. "Klebstoff" spannt einen Bogen von den 70ern bis in das neue Jahrtausend - von Punk zu Techno, von Speed zu Ecstasy - Irvine Welsh in Höchstform: Seine Sprache flüstert, schreit, heult, kreischt, spielt, gestikuliert. Wenn seine Figuren Luftgitarre spielen, machen es seine Worte ebenfalls. Kopfschütteln, Küssen, Prügeln, Fluchen, Saufen, Sex - bei Welsh kommt der Leser ebenfalls zum Höhepunkt.