Diese CD ist eine Besonderheit auf dem Markt: Grimaud vermag, im Gegensatz zu anderen Aufnahmen der späten Brahms'schen Klavierstücke, auch die Schattenseiten der Musik darzustellen.
Genauer: Sie versinkt in den langsamen Stücken ebensowenig in ihrer eigenen Ergriffenheit wie sie in den virtuosen Stücken ihr technisches Können unter Beweis zu stellen versucht. Hiermit erreicht sie, dass alle Emotionen der Werke z.B. in dem Intermezzo op.118, 2 die unglaubliche Schwere und die Zartheit und Melancholie der Romanze op.118, 5, ungespiegelt und dadurch unverzerrt wiedergegeben werden. Und einige der Stücke, wie die beiden Abschlussstücke aus op.116 (Capriccio) und op.119 (Rhapsodie), erhalten durch das etwas (!!) langsamere Tempo einen nie gekannten Sog und eine unfassbare Wucht.
Durch dieses Fehlen von aufgesetzten Gefühlen wird die Vielseitigkeit der Werke deutlich. Im Endeffekt kann man sich plötzlich als Hörer kaum mehr entscheiden, ob die Musik nun traurig, fröhlich, wütend oder resignierend sei. Eben ganz so, wie man sich den alten Brahms vorstellt. Hier sind Licht und Schatten gleichermaßen und jedesmal neu zu entdecken!
Wie meine Vorredner schon bemerkten, versteht sich von selbst, dass Grimaud auch die Strukturen der Werke grandios darzustellen vermag. Und auch das Klangbild ist passend: sehr direkt, aber überhaupt nicht hart oder blass. Aber mir persönlich ist es am Wichtigsten, dass Grimaud kein überflüssiges Sentiment in diese Werke hineininterpretiert. So ist man jedes Mal aufs Neue gerührt, was für Perlen Brahms uns hier, als seine letzten Aussagen für Soloklavier überhaupt, am Ende seines Lebens hinterlassen hat!