Obschon der italienische Komponist Domenico Scarlatti (1685-1757) fast ausschließlich Klaviersonaten schrieb, prägte er die Musikwelt Italiens seiner Zeit wie kein anderer. Das vermittelt einen ungefähren Eindruck davon, als wie bedeutend seine rund 550 Sonaten anzusehen sind. Einen Auszug aus diesem unerschöpflichen, schwer zu klassifizierenden Kosmos liefert auf dieser Doppel CD der russische Pianist Mikhail Pletnev in lobenswerter Art und Weise. Auch wenn das Booklet etwas zu knapp ausgefallen ist, so bestechen die Aufnahmen doch durch ihre integre Tonqualität.
Es ist in der Geschichte der Sonate für Tasteninstrument beinahe beispiellos, wie vielseitig und uneinheitlich Scarlattis Kompositionen sind. Während manche Sonaten beinahe Etüdencharakter aufweisen, so zeichnen sich andere wiederum durch ihre ausdrucksstarke, fantastische Anlage aus. Wieder andere sind in strenger Sonatenform angelegt, wohingegen einige durchaus als rhapsodisch bezeichnet werden können. In jedem Falle aber legen sie umfassend Zeugnis über die kompositionstechnische Meisterschaft und die schier makellose Virtuosität des italienischen Komponisten ab.
Die vorliegende Anthologie kann sich dessen besonders rühmen, dass sie einen authentischen, abwechslungsreichen und facettenreichen Querschnitt durch Scarlattis Schaffen bietet, vor allem respektive dessen, dass Gesamteinspielungen aller Sonaten nach wie vor Mangelware sind.
Die Interpretation Mikhail Pletnevs ist absolut adäquat zur musikalischen und technischen Meisterschaft Scarlattis. Die erste Frage, die sich erhebt, ist freilich diejenige danach, ob es zulässig ist, statt des Cembalos, für die die Sonaten komponiert wurden, einen modernen Flügel für die Darbietung zu wählen. Durch Pletnevs zarten Anschlag, seine subtile Lyrik und die vollständige Entromantisierung seines Vortrags aber kann dem geneigten Hörer getrost versichert werden, dass seine Deutung in höchstem Maße authentisch ist. Es zeigt sich - wie auch bei den meisten Klavierwerken Bachs, Händels oder Haydns -, dass das Klavier die Ausdruckswelten der Kompositionen besser zu erfassen vermag. Alfred Brendel sagte einmal treffend, dass der, der Barockmusik "nur auf barocken Instrumenten gelten lassen will", diese "eigentlich auch nur in barocken Marmorsälen anhören" dürfte.
Ein weiterer Pluspunkt dieser Einspielung ist Pletnevs feines Gespür für den Gehalt von Scarlattis Sonaten. Er lässt sich bereitwillig auf die Klangwelten, den Facetten- und Kontrastreichtum dieser Perlen ein und erreicht so eine nachvollziehbare, transparente und gut durchhörbare Leistung.
Weiterhin ist sein Spiel stets nuancenreich und verzichtet auch nicht darauf, individuelle Akzente zu setzen, ohne dabei jedoch die Partituren zu verfälschen oder es an Demut vor dem Oeuvre fehlen zu lassen.
Fazit: Insgesamt handelt es sich hier um eine der besten Einspielungen des Pianisten Mikhail Pletnev, die ich jemals gehört habe. Nicht nur für Freunde barocker Musik für Tasteninstrumente eine bereichernde Erfahrung!