Ich bin selbst Klavierlehrer und habe schon einige Schüler der Alterstufen 5-10 Jahre ans Klavierspiel herangeführt. Dabei habe ich im Laufe der Zeit viele Herangehensweisen und auch Übungshefte ausprobiert, einige Schülermentalitäten und Begabungslevel erlebt, und immer wieder komme ich zum vorliegenden Werk zurück. Je mehr ich es benutze, desto mehr sehe ich, dass ich die Komposition gerade der ersten Stücke sehr viel musikalisches, psychologisches, pädagogisches und didaktisches Wissen eingeflossen ist.
Die ersten Stücke sind gerade das Entscheidende in jedem Instrumentenunterricht. Sie müssen den Spagat schaffen, gut zu klingen, obwohl der Schüler noch gar nicht spielen kann. Sie müssen es schaffen, genügend Erfolgserlebnisse zu verschaffen - gerade kleineren Kindern, die mitunter etwas so Komplexes wie Noten auf fünf engen Zeilen noch gar nicht ohne Weiters erfassen und unterscheiden können, während sie sich nebenbei auf ihre Hände (die sie im Übrigen häufig noch gar nicht nach Rechts und Links unterscheiden können) konzentrieren müssen. Sie müssen Spaß machen, denn Kinder lassen sich schwer für's Musizieren begeistern, wenn es ihnen keinen Spaß macht. Und gerade in dem Alter SOLLTE Musik auch Spaß machen. Und falls jemand meint, Druck könnte über die anfangs vielleicht doch fehlende Freude hinweghelfen, möchte ich widersprechen: Gerade Begeisterung muss von Anfang an dazugehören, denn in allen anderen Fällen ist ein Teufelskreis aus Lustlosigkeit, Rebellion (auch später, wenn der Druck schon lange nicht mehr da ist), fehlendem Üben, fehlendem Erfolg und Sinnlosigkeitsgefühlen vorprogrammiert, der spätestens nach 2-3 Jahren zum Abbruch führt.
Dem Holzweissig-Werk kann ich aus Erfahrung attestieren, ausgezeichnet ans Klavierspiel heranzuführen, jederzeit Lust auf mehr zu machen und dem Schüler ausgezeichnet zu ermöglichen, freudvoll und mit Spaß an der Sache die Anfangshürden so zu meistern, dass ein gewisses Können für die wirklich spannenden Stücke aufgebaut wird, die dann als angenehm und keinesfalls überfordernd erlebt werden.
Selbst wenn es nur das wäre und man das Buch nach den ersten Seiten nicht mehr gebrauchen könnte (was nicht so ist!), wären die 20 Euro ausgezeichnet angelegt.
Ganz besonders möchte ich noch darauf eingehen, dass es sich um ein schon fast antikes Werk handelt. Ursprünglich in der DDR verlegt und verkauft, hat es sich bis heute gehalten. Der Aufbau ist schlicht und in Zeiten knallbunter und mit gleichermaßen anschaulichen und kindlichen Illustrationen gesprickter Klavierschulen fast schon erschreckend "langweilig". Doch gerade das hat seine Vorteile, und ich habe noch kein Kind erlebt, das sich darüber beschwert hat. Im Gegenteil. In diesem Werk spricht die Musik, es bleibt Raum für eigene Phantasie, und es gibt wenig Ablenkung. Nicht zuletzt erleben Schüler und Schülerinnen, dass Musik zwar Spaß macht, aber auch etwas Ernsthaftes ist, das es nur mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zur Blüte schaffen kann.
Auch wenn es vielleicht paradox klingt: Ich bin überzeugt, der Hang, alles, was mit Kindern zu tun hat, immer verspielter und "kindgerechter" zu machen, führt zumindest im Instrumentenunterricht schnell zu Lustlosigkeit und Verwirrung des Schülers - zumindest, wenn es übertrieben wird.
Insofern spreche ich hier eine volle Kaufempfehlung aus und bin froh, dass das Werk überhaupt noch verlegt wird. Ich hatte im Übrigen nicht das Glück, in meiner Zeit als Schüler je daraus zu spielen.