Evgeny Kissin, das einstmalige Wunderkind aus den ehemaligen U.D.S.S.R, ist und bleibt ein absolutes Phänomen. Bei so vielen Wunderkindern war es meistens nur eine Frage der Zeit bis der verhängnisvolle Einbruch kam: in jungen Jahren bereits ausgebrannt vom zehrenden Konzertbetrieb, Mangel an eigenen innovativen Interpretationen, und das Scheitern in der Entwicklung der eigenen Klangsprache (und letztendlich die ausbleibende erforderliche Entwicklung zur musikalische Reife) ließen so viele hochgejubelte Wunderkinder in die tragische Versenkung geraten. Nicht so aber bei Kissin! Der von so vielen Kritikern prognostizierte Einbruch blieb bei ihm aus, und er ist weiterhin auf dem allerbesten Wege, sich in den Klavierolymp der Allergrößten zu spielen.
Zwei Klavierkonzerte legt der russische Klavierlöwe nun vor, das eine von Mozart und das andere von Schumann. Da ich Kissin vor allen Dingen als großartigen Deuter der romantischen Komponisten kannte, wie Liszt, Brahms, Rachmaninoff und natürlich Chopin, war ich zunächst ein wenig skeptisch, wie er sich als Mozart-Interpret outen würde. Und ich wurde auf keinen Fall enttäuscht. Mit einer fast schon selbstverständlichen Stilsicherheit verzaubert Kissin den Zuhörer und bietet alles auf, was einen großartigen Mozart ausmacht: Delikatesse, Transparenz, Fingerfertigkeit, Klangschönheit, ja sogar Durchdringung mit mozart'schen Geist. Die Tatsache, dass Mozart neben viel heiterer, unbekümmerter, humorvoll ausgelassener Musik auch mit dramatischer Melancholie erschüttern kann, macht uns Kissin in seiner meisterhaften Einspielung vor. Und es wird wohl für immer ein Geheimnis seiner Kunst bleiben, wie er das vollbringt.
Das Schumann Klavierkonzert steht dem in nichts nach. Schumann und Kissin: es stellt sich zurecht die Frage, ob man in dieser Kombination überhaupt etwas falsch machen kann! Wer seine Kreisleriana und seinen Karneval kennt, der wird verstehen, was ich meine. Kissin bleibt diesem wundervollen Konzert nichts schuldig: von der lyrischen Einleitung, die Kissin in wundervoller Berücktheit darzustellen weiß, bis hin zum feurig stürmischen Finale zieht er alle Register.
Wir fassen zusammen: Kissin legt mal wieder ein Musikfest der Extraklasse vor, und wir warten in ehrfürchtiger Spannung auf seine nächsten musikalischen Großtaten.