"Lange habe ich mich an Mozart nicht so recht getraut. Zu einfach, zu kompliziert. Zu klar, zu rätselhaft."
So beginnt David Fray im Booklet zu seiner Mozart-CD. Fehlt es ihm an Demut, an gebührendem Respekt gegenüber Mozart? Eher nicht. David Fray verortet in seinem klugen Essay die beiden Klavierkonzerte zeitlich zwischen den Mozart-Opern "Le nozze di Figaro" und "Cosi fan tutte". Er betont den inhaltlichen musikalischen Zusammenhang zwischen den Opern und den Klavierkonzerten 22 und 25. Und tatsächlich hört sich beispielsweise der zweite Satz - das Andante - aus dem Klavierkonzert 25 wie eine Opernarie an. Entsprechend gesanglich gestaltet Fray seinen Ton. Und entsprechend hat er sich für ein großes Orchester als Begleitung entschieden. Niemand würde Friedrich Gulda vorwerfen, dass er seine Mozart-Klavierkonzerte mit dem Concertgebouw Orkest aufgenommen hat. Übrigens hat sich David Fray im Klavierkonzert 25 für eine Kadenz von Gulda entschieden, im Klavierkonzert 22 für eine Kadenz von Edwin Fischer. Beide Kadenzen sind musikalisch ganz verschieden, was die CD noch interessanter macht - und wirken gänzlich zeitlos. David Fray spielt sie grandios.
Was das Cover betrifft: Die Fotoästhetik der Klassiklabels hat sich bekanntermaßen in den vergangenen Jahren gewandelt. Die Fotos sind werbender und kunstvoller zugleich geworden, voller Anspielungen an die bildende Kunst. Statt Schmetterlingen über Klatschmohnfeldern oder einem Alfred Brendel in karierter Schiebermütze, was fotoästhetisch nicht gerade zu nostalgischer Rückschau einlädt, präsentieren die Plattenlabels ihre Künstler nun in artifiziellen Inszenierungen. Übrigens auch Hélène Grimaud, deren Mann einer dieser berühmten Fotografen ist. Seltsamerweise empören sich Rezensenten nicht über die appetitlichen bis lasziven Ablichtungen weiblicher Künstler. Außerdem: Niemand käme auf die Idee, Alfred Brendel musikalischen Biedersinn vorzuwerfen, nur weil er eine solche Mütze trägt. Dieser Kurzschluss ist absurd.
Ich möchte diese neue CD wärmstens empfehlen. Ein völlig unprätentiöser, nur dem musikalischen Ausdruck sich verpflichtender junger Künstler mit nicht nur enormem Potential, sondern schon jetzt mit erstaunlicher Reife und noch erstaunlicherer Imaginationskraft hat sich dem schwierigen, wunderbaren Mozart angenähert. Wer auf arte den Film von Bruno Monsaingeon über die Aufnahme des Mozart-Klavierkonzertes Nr. 25 gesehen hat, konnte wahrnehmen, dass es David Fray in keinem Moment an Spannung im Spiel mangelt. Er sucht sorgfältig nach dem charmantesten, intensivsten musikalischen Ausdruck und hat dabei immer die gesamte Struktur des Satzes im Ohr. Alle seine Gestaltungsvorschläge bei der Erarbeitung mit dem Dirigenten überzeugen mich - und seine musikalische Energie höre ich in jedem Takt. Aber auch seine sensible Interpretation des zutiefst traurigen zweiten Satzes des Klavierkonzerts Nr. 22 berührt mich sehr. Überhaupt lernen wir mit David Frays Interpretation nicht nur einen energischen, sondern auch einen sehr verletzlichen Mozart kennen. Den Andantesatz aus dem Klavierkonzert Nr. 22 muss Mozart übrigens so überwältigend gespielt haben, dass sich seine Wiener Zuhörer, wie sein Vater an Mozarts Schwester Nannerl schrieb, eine Wiederholung erklatscht haben.