Der polnische Pianist Adam Harasiewicz gewann 1955 den renommierten Chopin-Wettbewerb, ist aber seit dem Triumph Krystian Zimermans zwanzig Jahre später an gleicher Stelle etwas in Vergessenheit geraten, zumal Harasiewiczs medienscheues Auftreten zwar von völliger Hingabe an die Kunst zeugt, aber nicht zur Steigerung seines Bekanntheitsgrads beitrug.
Der größte Mangel dieser Box ist jedoch zunächst einmal die lieblose Ausstattung, die indes allen Boxen der Eloquence-Reihe eigen ist: das Booklet (wenn man es überhaupt so nennen möchte!) zählt lediglich die Tracks auf, verzichtet aber auf jegliche Hintergrundinformationen zu den Werken und - was in diesem speziellen Fall noch viel ärgerlicher ist - zum Künstler selbst. Während Informationen zu den Klavierwerken Chopins noch recht einfach zu erhalten sind, sieht das bei dem fast schon vergessenen Interpreten anders aus.
Trotz allem verwundert es nicht wenig, daß dieser Pianist kaum mehr bekannt ist, denn Harasiewiczs Potential ist in Kennerkreisen völlig unumstritten. Gut, auf der Suche nach "modernem" (was auch immer dieses bisweilen furchtbare Wort eigentlich bedeuten mag!) Chopin wird man hier sicherlich enttäuscht, denn der Stil des Polen war alles andere als spektakulär, sondern schnörkellos und introvertiert. Eine derartige Spielweise mutet aus heutiger Sicht möglicherweise überholt an, aber die zweifellos vorhandenen gestalterischen Pluspunkte verdeutlichen doch eindrücklich, um welch großen Interpreten es sich hier handelt. Speziell die Nocturnes werden hoch gehandelt, auch wenn es sich hier um Einspielungen handelt, die in ihrer Schlichtheit und unaufgeregten Art kaum einen größeren Kontrast eingehen könnten als zur Aufnahme mit Maria Joao Pires, die unter den modernen (schon wieder dieses Wort!) Einspielungen einen Ausnahmerang einnimmt. Der polnische Pianist ordnete Details stets einer strukturellen Herangehensweise an die Musik unter und betonte so eher ihren Verlaufscharakter anstatt ihre Finessen und kühnen harmonischen Wendungen. Technik und Stiltreue gehen bei Harasiewicz eine vollständige Symbiose ein, die teils zu Einspielungen führt, wie sie kaum exemplarischer sein könnten.
Der etwas veraltete Stil, der modernen Marktanforderungen doch ziemlich widerspricht, wird vielleicht den einen oder anderen Käufer als zu bieder abschrecken. Wer sich jedoch die Mühe macht und versucht, tief in das Geheimnis Harasiewiczs einzudringen, wird hier durchaus reich belohnt, zumal die günstige Investition eine mögliche Enttäuschung deutlich abmildert. Der größte Kritikpunkt insgesamt ist das Booklet, während die Interpretation durchaus beachtlich sind. In der Gesamtheit der Chopinschen Klavierwerke bleibt die Pflichtanschaffung mit Artur Rubinstein (RCA) wohl unübertroffen, aber hier liegt eine überzeugende Alternative eines aufrichtigen Künstlers zur Erweiterung des Horizonts vor.