In vieler Hinsicht handelt es sich um eine sehr schöne Neuaufnahme ersten beiden Klavierkonzerte von Rachmaninow: Makellose und sensible Pianistik, die von überzeugender Musikalität getragen ist (wer hätte von Leif Ove Andsnes etwas anderes erwartet?), herrliches Orchesterspiel der Berliner Philharmoniker unter Antonio Pappano, vorzüglicher Klang und eine sehr gute Klangbalance zwischen Flügel und Orchester ... . Gäbe es nur diese einzige Aufnahme dieser Konzerte, man könnte voll und ganz zufrieden sein - und der Komponist wäre es vermutlich auch gewesen. Doch es gibt natürlich eine fast unüberschaubare Zahl von Konkurrenzaufnahmen, allein vom beliebteren Konzert Nr. 2 sind derzeit mehrere Dutzend auf dem Markt.
Ich ziehe zum Vergleich die im Jahr 2004 erschienene von Krystian Zimerman (mit Seiji Ozawa und dem Boston Symphony Orchestra) heran, in der ebenfalls das 1. mit dem 2. Konzert gekoppelt ist. Ein Pluspunkt für Andsnes/Pappano: Die Klangbalance wirkt auf mich natürlicher, vor allem im 2. Konzert, wo der Flügel bei Zimerman/Ozawa durch die Tontechnik recht stark in den Vordergrund gerückt erscheint - man hört hier das Konzert quasi aus der Perspektive des Pianisten oder Dirigenten. Ambivalent (zunächst): Andsnes/Janssons scheinen die Konzerte „notengetreuer“ zu spielen, bei Zimerman/Ozawa finden sich mehr Rubati und Temporückungen, die als solche von der Partitur nicht unbedingt vorgeschrieben sind (was allerdings für viele spätromantische Werke und die damalige Aufführungspraxis charakteristisch ist). Vom Gesamteindruck her aber geht der entscheidende Pluspunkt an die ältere Aufnahme: Das Spiel von Zimerman geht „unter die Haut“, ist emotionaler, intensiver, packender, leidenschaftlicher, im guten Sinne extremer - in lyrischen Passagen betörend singend, im Pianissimo auf berückende Weise abgeschattet, auf den dynamischen Höhepunkten in furioser Virtuosität zupackend, aufs Ganze gehend. Damit verglichen wirkt das perfekt-schöne Spiel von Andsnes bisweilen schon beinahe „brav“ auf mich, unverbindlicher und harmloser jedenfalls - ich bin mir bewusst, dass ich ihm mit einem solchen Urteil Unrecht tue, denn für sich allein betrachtet spielt er alles andere als brav. Aber man höre - als Beispiel - im zweiten Konzert nur die ersten Minuten des 2. Satzes im Vergleich: Die gebrochenen Akkorde im Klavier empfinde ich bei Zimerman wie ein einfühlsames Streicheln, auf das dann - mit dem zarten, zögernden Einsatz der Flöte, später Klarinette - die gestreichelte Person (das Orchester) gleichsam „antwortet“ und sich „berührt“ zeigt; bei Andsnes hingegen: schön gespielte harmonische Begleitfiguren, denen sich anschließend ein schön gespieltes Soloinstrument hinzugesellt. Ein anderes Beispiel: der hochvirtuose Einsatz des Klaviers im 3. Satz, wo Zimerman nach der kurzen Orchestereinleitung den Zuhörer mit seinem vehementen Kaskadenlauf geradezu überwältigt, einen erschütternden Gefühlsausbruch zeigt - bei Andsnes die gleiche Passage „nur“ blitzsauber und sehr schön gespielt ...
Der Vorsprung von Zimerman gegenüber Andsnes an ungestüm „jugendlich“-mitreißender Virtuosität ist für mich im ersten Konzert sogar noch deutlicher – hier ist Zimerman und Ozawa eine kaum noch zu übertreffende glutvolle Referenzaufnahme gelungen.
Fazit: Andsnes, Pappano und die Berliner Philharmoniker liefern eine sehr schöne, ausgewogene Neuaufnahme ab, die empfehlenswert ist für alle Menschen, die gegen starke romantische Gefühlsäußerungen in der Musik eine Abneigung haben – vielleicht sogar Angst davor.