Wer eine CD von Hélène Grimaud in den Player legt, darf sich auf neue Hörerfahrungen freuen. In ihrer neuesten Veröffentlichung durchleuchtet die Ausnahmepianistin zwei der beliebtesten Klavierkonzerte Mozarts. Welchen Zugang Hélène Grimaud zum Salzburger Meister pflegt, hat sie bereits mit der letzten CD "Resonances" demonstriert (dort mit der A-Moll-Sonate KV 310).
Auch die Klavierkonzerte lässt die Pianistin fern biederer Mozärtlichkeit erklingen. Anschlag und Phrasierung bestechen durch Klarheit und wahre Entschlossenheit. Neue Höreinsichten gewährt uns Hélène Grimaud auch durch eine betonte Kontrapunktik: Polyphone Aspekte treten nach vorn, der Rhythmus gewinnt in den Ecksätzen stellenweise mitreißende Züge. All das lässt uns erahnen, in welche musikalischen Sphären uns Beethoven nur wenige Jahre später führen wird.
Eine weitere Besonderheit ist die Kadenz in KV 488. Hélène Grimaud entschied sich für die selten gespielte Kadenz von Ferruccio Busoni. In ihr wird das musikalische Material wunderbar fantasievoll verarbeitet. Eine große Bereicherung fürs CD-Regal, denn dieses Konzert erklingt fast immer mit der eigenen Kadenz Mozarts (Ausnahme: Horowitz, der wie Grimaud die Kadenz von Busoni spielte). Übrigens ein absolut legitimes Stilmittel, denn Mozart schrieb bekanntlich gar nicht gern Kadenzen, sondern ließ sich und anderen Pianisten viel lieber Raum zur Improvisation.
Ein Juwel dieser CD ist in meinen Ohren das Adagio des A-Dur-Konzerts. Ein knapp achtminütiges Seelendrama ... bewegend, tief schürfend und voller Sehnsucht. In Zeitmaß und Emotionalität geht Hélène Grimaud an die Grenzen. Die Stille zwischen den Tönen wird hier zum musikalischen Ausdrucksmittel. Beim ersten Hören verstörend, dann betörend. Ein hinreißendes Stück Musik.
Mit dem Kammerorchester des Bayerischen Rundfunks (bestehend aus Solisten und Stimmführern des Symphonieorchesters des BR) hat sich die Pianistin kongeniale Partner an ihre Seite geholt. Das Ensemblespiel ist federnd, leicht und pulsierend. Besondere Merkmale: Kleine Besetzung ohne Dirigent, sparsames Streichervibrato, historisch reflektierte Auffassung auf modernen Instrumenten. Herausragend: die Holzbläser! Kultiviert, einfühlsam und voller Hingabe musizieren sie ganz im Einvernehmen mit der Solistin.
Bei den beiden Klavierkonzerten handelt es sich um Liveaufnahmen, die klangtechnisch vorzüglich eingefangen sind. Der Hörgenuss wird durch keinerlei Störgeräusche beeinträchtigt.
Für Hélène Grimaud ist Mozart mehr Mensch als Mysterium. Vielleicht haben wir dieser Auffassung auch die Idee zu verdanken, dem CD-Programm die menschliche Stimme hinzuzufügen: Zwischen den beiden Klavierkonzerten erklingt KV 505, eine Arie für Sopran, Klavier und Orchester (mit der Sopranistin Mojca Erdmann im Studio aufgenommen).
Die hier gezeigte limitierte Ausgabe ist in geradezu bibliophiler Qualität aufgemacht: In den zwei stabilen Buchdeckeln sind CD und Bonus-DVD eingelegt. Dazwischen: ein aufwendiges, reichhaltiges Booklet mit vielen attraktiven Fotos der Künstlerin, Interview und Hintergrundinformationen (D, GB, F). In der Heftmitte: ein Querschnitt durch die Motivserie "Woodlands" des Fotokünstlers Mat Hennek. Die Seelenverwandtschaft beider Künstler findet auch auf der DVD Ausdruck: Das Adagio aus KV 488 wird durch Bildsequenzen aus den "Woodlands" synergetisch untermalt. Ein Kleinod fürs CD-Regal.
Michael Bessert