Beim 1.Klavierkonzert entsteht bei dieser Aufnahme die Spannung insbesondere durch das verblüffend wuchtige, langsame Orchesterspiel und den modernen, eleganten Klavierpart. Zimermans initialer Einsatz gerät klar und relativ einfach, entwickelt Pathos und nimmt in Dialog mit dem Orchester an Spannung ständig zu. Ob Bernsteins Leistung für sich genommen exemplarisch ist, bleibt dahingestellt, aber trotz langsamer Tempi (in allen Sätzen bleibt Bernstein um Minuten langsamer als andere Dirigenten: 24'35"; 16'28"; 13'00"), mit für Brahms schier untypischer, drastischer Übertreibung erzeugt er mit dem Orchester expressive "Turbulenzen" und den "Widerstand" für den geschliffenen, feinen Solopart, wodurch dieser Konzertmitschnitt so abwechslungsreich erscheint. Bei langsamen Tempi hört man vom Orchester viele lebendige Nunacierungen und der Dirigent versteht es mit langem Atem, die "rhythmische" Spannung stets aufrecht zu halten, z.B. beim langen Wechsel von den Eingangstutti zum zweiten Thema, ohne die Musik zu sehr in kleine Sequenzen zu zergliedern. Das Maestoso/der Kopfsatz fordert bereits von der Komposition her zu größtmöglichen Kontrasten heraus: heftige Paukenwirbel, "erzürntes" Eingangsmotiv, lyrisches Thema, danach Einsatz des fast solistischen Klavieres in piano-Lautstärke und später ein choralartiges, zuerst vom Klavier vorgetragenes Thema. Während Zimerman mit seinem einfachen Eingang genau trifft, erscheinen die klanglichen Kontraste durch ein gewaltiges Orchestergewitter zusätzlich verstärkt. Der zweite Satz, über den Brahms einst an Clara Schumann schrieb "Auch male ich an einem sanften Portrait von Dir, das dann Adagio werden soll." wirkt wie ein gemessenes, harmonischeres, mit der gebührenden Wärme vorgetragenes Zwiegespräch, während im Rondo Zimermans Klavierpart besonders elegant-virtuos und frisch einsetzt. Diese Aufnahme des 1.Klavierkonzertes ist für mich ein Höhepunkt des CD-Bestandes, so dass sich danach aufgenommene, darunter auch diejenige mit Krystian Zimerman selbst, daran messen müssen.
Krystian Zimerman, Wien PO, Leonard Bernstein, 1983, DDD, live