Produktinformation
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Um unmittelbar anschaulich zu erfahren, warum Lang Langs Interpretation des Konzertes nur wenig mit Rachmaninoff zu tun hat, höre man dessen eigene Aufnahme des Stücks an: Auf der Basis sehr schneller Grundtempi nimmt sich der Komponist selbst am Klavier immer dort Zeit, wo das Soloinstrument tatsächlich im Vordergrund steht: An solchen Stellen operiert er mit Rubato, mit expressivstem Ausspielen der Kantilenen, mit einer wie an Chopin geschulten Ausbalancierung von melodischem Geschehen und Begleitung. Während der Abschnitte hingegen, an denen das Orchester im Vordergrund zu stehen hat, drängt sich Rachmaninoff nicht mit seinem Passagenwerk in den Vordergrund, zieht nicht die Aufmerksamkeit auf sich oder bremst den Fluss, sondern gliedert sich mit unprätentiöser Nüchternheit ein und lässt das Orchester ungehindert seine rauschenden Klangwogen entfalten. Diese interpretatorische Grundhaltung sorgt für jene besondere Atmosphäre, die Rachmaninoffs eigene Einspielungen vor den meisten anderen auszeichnet -- besonders aber vor der vorliegenden, in der von den Intentionen des Komponisten erstaunlich wenig zu spüren ist: Nicht Fisch und nicht Fleisch, so könnte man salopp sagen, ist das Ergebnis dieser Zusammenarbeit eines erfahrenen Dirigenten mit einem zweifellos hochbegabten, aber überhaupt nicht stilsicher agierenden Pianisten.Michael Wersin
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Schon zu Beginn des zweiten Klavierkonzertes wachsen Zweifel, ob dies hier der Fall sein könnte: Lang Lang ignoriert den Notentext, spielt die Eingangsakkorde mit äußerster Langsamkeit und verfällt dann mit dem Orchester zusammen in nahezu dreifaches Tempo; dafür ist er schon zwei Takte zu früh im fortissimo und kann aufgrund seiner extremen Tempowahl natürlich auch das notierte ritenuto nicht beachten. Im Fortgang gewinnt sein Spiel jedoch deutlich an Fahrt und Expressivität und man kann an vielen Stellen sein durchsichtiges und technisch sicheres Passagenwerk bewundern. Bedauerlicherweise verliert sich Lang Lang jedoch zu oft in einem schwelgerischen Tonfall, der sich vor allem in übertriebenen Ritardandi (etwa ab 7:18 im 1. Satz) manifestiert. Dadurch wird der Fluß der Musik empfindlich gestört - es kommt alles schön und kontrolliert, aber ziellos daher. Manchmal ist auch völliger Stillstand und wie Kaugummi gedehnte Phrasen zu verzeichnen (ab 8:40; oder 10:07). Rachmaninov selbst (Naxos Historical) spielt hier deutlich zügiger, ebenso beispielsweise Glemser (Naxos), Wild (Chandos), Janis (Mercury) und viele andere. Das anschließende Adagio ist seltsam unbeteiligt gestaltet, die ihm sonst eigene mysteriöse Grundstimmung will sich nicht einstellen. Darüber hinaus wird ein erheblicher Mangel der Einspielung hier immer deutlicher: Die Balance zwischen Solist und Orchester ist in absurdem Maße zugunsten des Pianisten verschoben. Schon im ersten (6:56), aber auch im zweiten Satz (ab 6:03) deckt Lang Lang mit lediglichen Begleitfigurationen das gesamte Orchester zu. Interaktion zwischen beiden, für das Gelingen gerade auch des zweiten Satzes so essentiell, ist damit nahezu unmöglich. Eklatant wird dies im Schlußsatz (etwa ab 11:18), der außerdem aufgrund eines schleppenden Tempos und manirierter Ritartandi nie richtig in Schwung kommt. Wie brilliant und mitreißend man diesen und den Rest des Konzertes gestalten kann, ist bei Glemser, Wild, Janis oder Hough (Hyperion) zu hören; auch Ashkenazy/Previn (Decca) sind hier beispielhaft - Lang Lang wirkt dagegen fast karikatural.
Auch in der Paganini-Rhapsodie sind die unnatürliche Tontechnik (man höre etwa, wie das Klavier in Track 6 das Thema des Orchesters vollkommen dominiert) und generell schwerfällige Tempi des Solisten zu bemängeln. Allegro vivace wie gefordert ist dies in den ersten Variationen nicht (Negativbeispiel ist z.B. Track 11), die "piu vivo"-Anweisungen werden nahezu immer ignoriert (Track 27 - alla breve?). Auch die oft unpräzise und uninspirierte Begleitung durch das Kirov Orchester helfen da nicht. Lang und Gergiev spulen dieses Variationswerk wie eine Abfolge unzusammenhängender Einheiten herunter, anstatt daraus mit gestalterischer Intelligenz ein Ganzes zu formen. Wie man dies anstellt, sollte man sich besser bei Pletnev (Virgin) oder den schon genannten Referenzaufnahmen anhören.
Es ist sicherlich zu kurz gegriffen, Lang Lang lediglich als ein Marketingphänomen zu betrachten, denn in anderen Aufnahmen - etwa Rachmaninovs Nr. 3 - und Konzerten hat er neben einer soliden Technik durchaus Musikalität und Stilsicherheit bewiesen. Aufnahmen wie die vorliegende sind jedoch nicht geeignet, dies unter Beweis zu stellen. Hinzu kommt die desaströse Abmischung, die die Vorzüge der Mehrkanal-SACD zunichte macht und in Stereo nur noch schlimmer klingt. Nein, das gibt es in anderen Aufnahmen deutlich besser.
Lang Lang polarisiert daher - wie auch die stets mit der Callas verglichene Netrebko - die "Hüter des klassischen Repertoires", doch ist diese Angst um die Bewahrung der vermeintlich einzig wirklichen Aufführungspraxis gerechtfertigt?
Bisher kannte ich Lang Lang nur aus einer von mir freilich immer wieder gern gehörten Aufnahme des 1. Chopin-Klavierkonzertes, zusammen mit dem BBC-Symphony-Orchestra unter Forster (lief im Digital-TV). Die CD-Aufnahme des Rachmaninoff-Klavierkonzertes erinnert mich hinsichtlich der Tempi oft an den frühen Jevgeni Kissin unter Karajan mit dem 1. Klavierkonzert Tschaikowskys - ziemlich gemütlich oder auch "langsam". Das ist sehr auffallend bei Lang Lang; virtuos wirkt er auf mich (fast) nie. Muss er auch nicht, denn er wird sich angesichts seines jungen Alters noch entwickeln; was zählt, ist eine meiner Ansicht nach gelungene Aufnahme, die mir beweist, dass mich andere, auch neue Interpretationen eine altbekannte Komposition immer wieder aufs neue gern entdecken lassen. Tontechnisch finde ich keinen Grund zur Beanstandung. Die Bonus-DVD, die meiner CD-Ausgabe beiliegt, bietet noch einige Ausschnitte aus dem Carnegie Hall-Auftritt Lang Langs. Zum Kauf einer Solo-CD mit ihm mag ich mich jedoch noch nicht durchringen...
Seinen wir froh, dass die nachwachsende Künstlergeneration immer wieder Anlass zu Diskussionen gibt. So bleibt "Klassik" eine lebendige Facette in der Musikwelt.
Selten konnte man dieses Konzert mit einer derartig mitreißenden emotionalen Stimmung erleben ohne dass es dabei in übertriebenem Maße dargeboten wird und in Kitsch abgleitet.
Dirigent und Pianist gelingt der gerade bei der Spätromantik so gefährliche Spagat zwischen Emotionalität und Präzision perfekt. Auch das gegenseitige Wechselspiel der Hauptthemen zwischen Orchester und Klavier zeigt von der Rafinesse des Werks, ein Charakterzug, der oftmals völlig unter den Tisch fällt.
Der angesprochene Vergleich zu der Einspielung Rachmaninovs selbst hinkt: Es ist bekannt, dass Rachmaninov eine große Abneigung gegen Tonbandaufnahmen hatte und er sich zeitlebens geweigert hat, selbst solche Aufnahmen einzuspielen. Erst im hohen Alter und aufgrund eines entsprechend hohen finanziellen Angebots, stimmte er zu. Aber jeder kann (selbst bei der schlechten Qualität) die Lustlosigkeit seines Spiels heraushören. Ganz im Gegensatz zur Einspielung von Gergiev und Lang Lang.
Ich selbst habe 7 verschiedene Einspielungen des Konzerts auf CD (und etliche andere noch gehört) und habe mit der von Gergiev und Lang Lang einen neuen Favoriten gefunden.
Der Dirigent vermag den jugendlichen enthusiastischen Charme des Pianisten und seine technische Brillanz bei notwendigen Stellen gekonnt zu zügeln, um ihm dann bei anderen Situationen die Freiheit zu geben, die einem fast zu Tode gespielten Werk zu einer eindrucksvollen Renaissance verhilft.
Doch Worte können sowieso niemals ein Musikstück beschreiben. Daher lade ich jeden ein, sich bei passender Gelegenheit selbst ein Bild von dieser außergewöhnlichen Aufnahme zu machen und dabei speziell das Augenmerk auf das Hauptthema im 3. Satz ab 6:46 zu richten, wo das Orchester zunächst das Thema vorgibt, und Land Lang es dann bei 7:45 (speziell das Zurücknehmen von Lautstärke und Tempo beim eigentlichen Höhepunkt bei 7:47) gipfeln läßt. Einfach ein musikalischer Leckerbissen !
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