Vergleicht man Brahms zwei Klavierkonzerte, das frühe d-moll Konzert und das viel spätere in B-Dur, so kann kein Zweifel daran bestehen, dass das zweite die weitaus bessere Komposition ist. Es meistert die großangelegte Form - es zählt zu den längsten im Repertoire - weit gekonnter, die schwierige Dialektik zwischen Soloinstrument und Orchester intelligenter, ist reicher, reifer, tiefgründiger, vollkommener. Eine Demonstration der Souveränität und Meisterschaft.
Es ist mit einem kompensatorischen Impetus geschrieben. Denn er wusste selbst am besten um die Schwächen seines Erstlings, der bei der Uraufführung mit Pauken und Trompeten durchgefallen war, und hatte das Gefühl etwas gutmachen zu müssen. Jener Erstling hatte ihm große Mühe gemacht. Ursprünglich als Sonate für zwei Klaviere konzipiert ging es durch zahlreiche Umarbeitungen und wie es meist in solchen Fällen ist, das Umarbeiten erwies sich als vertrackter als eine neu konzipierte Komposition es wohl getan hätte.
Für Brahms Laufbahn ist es gleichwohl ein Schlüsselwerk. Vieles von Brahms individueller Musiksprache manifestiert sich hier zum ersten Mal. Und es ist einmal mehr der Beleg dafür, dass Krisen und Schwierigkeiten für einen Künstler keine Hindernisse sondern Notwendigkeiten sind, da sie als Katalysatoren ermöglichen die Produktion auf ein neues Bewusstseinsniveau zu heben.
Das erstaunliche dabei ist, dass sich trotz aller Schwächen das frühe d-moll Konzert als das weit beliebtere Konzert erwiesen hat. Und doch so erstaunlich auch wieder nicht, denn schon immer war das Publikum dem jugendlich heißen Herzen mehr geneigt als der reifen Meisterschaft. Es liebt Romeo und Julia mehr als Antonius und Cleopatra, Werther mehr als den Wilhelm Meister, die Buddenbrooks mehr als Doktor Faustus.
Die pianistische Laufbahn von Maurizio Pollini hat merkwürdiger Weise eine gegenläufige Bewegung durchgemacht. Seine berühmte Einspielung der Chopin Etüden aus den 70er Jahren verblüfft noch heute durch ihre fast unübertreffbare Perfektion und Makellosigkeit. Und Jahrzehnte lang galt Pollini als Verkörperung eines italienischen Schönheitsstrebens in der Tradition Arturo Benedetti Michelangelis und das durchaus mit großem Erfolg auch wenn es immer Stimmen gab, die diesen Perfektionskult als blutleer kritisierten.
In der Tat hat Perfektion und Vollkommenheit eine zutiefst problematische Seite, ja steht gar in einem dialektischen Verhältnis zum Künstlerischen. In vielen Fällen treibt die Makellosigkeit die Menschlichkeit und damit den Geist aus der Musik. Es ist sicher kein Zufall, dass die beiden größten Pianisten des 20. Jahrhunderts, Arthur Rubinstein und der späte Vladimir Horowitz so lässlich mit falschen Noten umgegangen sind. Rubinstein, der sich lächelnd selbst immer als einen der letzten großen Falschspieler bezeichnete, wusste insgeheim sehr gut dass eben in jenem Restrisiko der Schlüssel zur Lebendigkeit steckt.
Bei Pollini hat sich allerdings in den letzten Jahren ein Wandel vollzogen, der sich schon die letzten Beethoven und Bach Aufnahmen abzeichnete, die keineswegs mehr so makellos waren wie in früheren Jahren. Und auch in der Aufnahme des d-moll Konzerts gibt es zwar keine falschen Noten, dafür sorgt schon die perfektionierte Postproduktion des Plattenlabels, doch viele Passagen sind keineswegs perfekt, es gibt Unregelmäßigkeiten und Unsauberkeiten.
Doch nicht trotzdem sondern gerade deswegen gewinnt seine Interpretation eine Dringlichkeit und Lebendigkeit, die einen bewegt. Pollinis skrupulöser und selbstquälerischer Charakter dringt mit heißem Herzen durch die früher so marmorne Oberfläche. Auch wenn Pollini so viel älter ist als Brahms es bei der Komposition war, es ist der ähnliche lavamäßige Aggregatszustand, der beide hier so glücklich zusammenwirken lässt. Die Trillerketten haben die keuchende Dringlichkeit, das akkordische Seitenthema ist nicht nur sonor sondern wahrt auch ein Maß an nervöser Getriebenheit. Der zweite Satz ist nicht nur schön sondern entfaltet auch die tiefe trösterische Empathie, die schon auf das "Deutsche Requiem" vorausweist.
Thielemann kann da leider nicht ganz mit einstimmen. Zwar hat sein Dirigat rhythmische Kraft und formalen Überblick, doch fehlt Thielemanns Selbstbewusstsein der selbstkritische Stachel im Fleisch. Man meint immer einen Hauch zuviel Rhetorik und etwas zu wenig persönliches Bekenntnis bei ihm zu spüren.