Produktinformation
|
Die alte Begeisterung kehrte nun zurück, als ich die Aufnahme mit Hélène Grimaud und der Staatskapelle Berlin unter Kurt Sanderling hörte, ebenfalls ein Live-Mitschnitt. Da waren sie wieder, die Wucht, die Leidenschaft, die Dramatik, der Ausdruck von Schmerz, Wehmut und grübelnder Suche nach Trost, - all das, was ich bei Bernstein/Zimerman vermisste.
Diese Erkenntnis lud dazu ein, beide CDs detailliert im Hörtest zu vergleichen. Zunächst fällt auf, dass die Grimaud-CD ganze 4 Minuten kürzer ist als die von Zimerman, d.h. die Tempi sind erheblich forscher, gepaart mit extrem dynamischen mitreißendem Zupacken. Ein erstes „Hineinhören" in diese CD war mir daher nicht möglich: ich konnte einfach nicht abschalten, ehe ich das ganze Konzert gehört hatte. - Vergleicht man nur die ersten sechs Minuten, werden die abgrundtiefen Interpretations-Unterschiede schon deutlich:
Im langsamen Mittelteil der Orchestereinleitung läd Bernstein zum entspannten Relaxen ein, bei Sanderling erklingt ein schmerzliches Suchen, das in einem gewaltigen Aufschrei endet. Zimermans Klaviereinsatz wirkt geschönt, poliert, sauber und dadurch recht ausdruckslos; Grimauds Beginn vibriert, lässt die „heißen Tränen" des Komponisten ahnen und mündet sinnvoll zu dem gewaltigen Triller über. - Weitere Vergleiche dieser Konzerte bestätigen immer wieder die grundlegenden Diskrepanzen.
Mag sein, dass ein puristischer Klavierpädagoge Zimerman die korrektere Noten-Realisierung bescheinigt; mag sein, dass ein HiFi-Fan der Grimaud-Aufnahme eine gewisse Bass-Lastigkeit ankreidet (was dem Konzert m.E. aber durchaus förderlich ist), - all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Grimaud/Sanderling in Sachen Musikalität, Werkverständnis und Brahms-Feeling haushoch der Zimerman/Bernstein-Interpretation überlegen sind. Eine ebenso mitreißende wie bewegende CD, deren Faszination sich auch der Gelegenheits-Klassik-Hörer oder Klassik-Einsteiger wohl kaum entziehen kann.
beeindruckenden Interpretationen, die Helene Grimaud normalerweise auszeichnen mehr als schade.
Denn was hat Brahms in diesem Werk geschaffen? - Es ist die musikalische Gestaltung einer Situation, in welcher ein tiefgreifender Schicksalsschlag alles verändert und die Welt danach nicht mehr so ist wie zuvor. Für Brahms war dies die Erkrankung und der Selbstmordversuch seines Freundes und Mentors Robert Schumann; heute denken wir an den 11. Sep. 2001 oder an andere persönliche Schicksalsschläge.
In solchen Situationen durchleben wir ein ganzes Spektrum von Emotionen: Schock, Angst, Verzweiflung, die berühmten Fragen "Warum?" und "Warum widerfährt dies mir?", die Wut darüber, aber dann auch wieder Trost, Hoffnung, "Das Leben geht weiter".
Hélène Grimaud gelingt es, all diese Emotionen (auch die, für die es keine Worte gibt) zum Leben zu erwecken und zu kommunizieren, sowohl in den kleinsten Details als auch in der großen Linie über alle 3 Sätze hinweg (es ist mir unmöglich, nur einen Teil dieser Aufführung anzuhören, es geht nur ganz von Anfang bis ganz zum Ende).
Andere Interpretationen von durchaus namhaften Pianisten erscheinen mir dagegen sehr distanziert und nüchtern, und dadurch bedeutungslos.
Eine weitere Beobachtung: Während ich beim wiederholten Anhören mancher Aufnahmen rasch eine Ermüdung erfahre, kann ich mich an dieser Aufnahme nicht satt-hören, selbst nach sehr vielen Malen "wächst" die Aufnahme, und ich entdecke immer weiter Dimensionen und Aspekte des Werkes und dieser Interpretation.
Für mich hat diese Aufnahme und Hélène Grimaud's Spiel heilende Wirkung.
|
Das Forum zu diesem Produkt
Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
|
Ähnliche Foren
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||
|