Die Klavierkonzerte von Johannes Brahms nehmen in mehrerer Hinsicht eine Sonderstellung ein: Sie sind erheblich länger als nahezu alle Werke dieses Genres, stellen dem Interpreten eine schier unerschöpfliche Vielzahl manueller Herausforderungen und erfordern dennoch des öfteren eine Integration des Pianisten in das Spiel des Orchesters, die diesen weniger als Solisten als vielmehr als gleichberechtigten Partner kennzeichnen. Auch wenn die anfangs zeitweise benutzte abfällige Bezeichnung "Sinfonie mit obligatem Klavier" eine Fehleinschätzung ist - der Pianist erhält in beiden Konzerten genug Gelegenheit, seine Virtuosität unter Beweis zu stellen -, verlangen diese Werke zweifellos ein hervorragendes Orchester, um ihre ganze Strahlkraft zu entfalten.
Dies ist auch das erste, was bei der vorliegenden Aufnahme von Nelson Freire mit dem Gewandhausorchester unter seinem neuen Chef Riccardo Chailly auffällt: Das Leipziger Ensemble ist in erstklassiger Verfassung. Differenziertes, hochpräzises Spiel, dabei ein wuchtiger aber dennoch schlanker Ton und ein aufmerksamer Dirigent. Chailly kommt dabei sicherlich zugute, dass er mit dem brasilianischen Pianisten seit langer Zeit gut befreundet ist und beide diese Werke schon oft zusammen aufgeführt haben. Dies zeigt sich deutlich in ihrem homogenen, wie aus einem Guß wirkenden Zusammenspiel - wie das Cover-Foto es nahelegt, haben sie sich ihre Konzeption dieser Konzerte gemeinsam erarbeitet. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, daß es sich bei den Aufnahmen und Live-Mitschnitte handelt, welche - nach Aussage des Pianisten - nahezu ausschließlich in langen Abschnitten (ein Satz pro Take) aufgezeichnet wurden. Das Resultat hiervon ist beeindruckend. Das d-moll-Konzert gehen Orchester und Pianist mit zügigen Tempi an, die an das Duo Fleisher/Szell (Sony) erinnern und dem Jugendstil Brahms' hervorragend gerecht werden. Dabei geht nichts an Dramatik verloren; gerade die Ecksätze sind Paradebeispiele für eine gelungene Mischung aus Dynamik, Virtuosität und Ausdrucksstärke. Freire stellt seine nahezu grenzenlosen technischen Möglichkeiten auf unnachahmliche Art und Weise in den Dienst der Musik und zieht den Hörer durch sein flexibles, klangschönes und dennoch kraftvolles Spiel in den Bann (man höre etwa die hochdiffizile Passage ab 8:00 im 1. Satz, die Oktaven ab 10:08 oder den Schluß ab 19:24). Auch der Mittelsatz wird nicht unnötig in die Länge gezogen und verliert dabei dennoch nichts von seiner Expressivität.
Das zweite Klavierkonzert gilt zu Recht als eines der schwersten der Klavierliteratur überhaupt und verlangt dem Pianisten schon zu Beginn mit Akkordkaskaden und riesigen Sprüngen alles ab. Hier zeigt sich sofort, wer diesen Anforderungen gewachsen ist oder ihnen durch Tempoverschleppung ausweicht. Freire gehört ohne jeden Zweifel zur ersten Kategorie. Auch wenn man weiß, daß dieses Stück seit langem zu seinem Kernrepertoire gehört, sind die ersten beiden Sätze aus rein pianistischer Perspektive dennoch ein beeindruckendes Hörerlebnis. Die Eleganz und Souveränität, mit der er jegliche manuelle Hürde meistert, ist auch in heutiger Zeit außergewöhnlich. Man höre nur etwa die absurd schwierige Stelle ab 7:42 (1. Satz) oder die gefürchteten pianissimo-Oktaven ab 4:52 (2. Satz). Das Faszinierende daran ist jedoch, daß all dies nicht nur bewältigt, sondern auch aktiv gestaltet wird und sich die Virtuosität mit Sensibilität und Musikalität paart. Alles wirkt organisch, das Stück wird auf natürliche Art und Weise aus sich selbst entwickelt. Zweifellos ist das oft spontan und frisch wirkende Spiel zu einem Teil auch der Live-Atmosphäre geschuldet.
Die Kombination aus erstklassigem Orchester und überragendem Pianisten übertrifft meiner Ansicht nach auch bisherige Referenzen wir Gilels/Jochum (DG) oder Fleisher/Szell. Hinzu kommt die exzellente Klangqualität mit einer gelungenen Integration des Klaviers in das Klangbild des Orchesters sowie der verhältnismäßig moderate Preis. Ein Muß nicht nur für Klavier-Fans!