Uwe Naumann in Die Zeit, 16. November 2006
Rechtzeitig zum 100. Geburtstag Klaus Manns wurde ein Werk abgeschlossen, das hohen Respekt verdient: Fredric Krolls Klaus-Mann-Schriftenreihe. Diese 1976 begonnene Arbeit rekonstruiert auf über 3000 Seiten akribisch das Leben und Schreiben Klaus Manns, beinahe von Tag zu Tag. Krolls Bände sind die unerlässliche Basis aller künftigen Klaus-Mann-Forschung, auch wenn man sich bei der Lektüre gelegentlich ein kritischeres Urteil über den Helden wünscht.
Kurzbeschreibung
Viele Größen der europäischen Literatur lernte Klaus Mann schon in seinem Elternhaus kennen. Der Sohn von Thomas und Neffe Heinrich Manns zu sein, eröffnete ihm Welten, in denen er sich souverän bewegte, die er um seine eigenen Horizonte erweiterte, von denen er sich abgrenzte. Egal ob in Berlin, Hamburg oder Paris, in Amsterdam, Prag, Moskau oder New York - Klaus Mann stand in engem Kontakt zu Menschen, die die geistigenStrömungen der Zeit repräsentierten und auf die politischen Entwicklungen Einfluß nahmen.Sein erstes Buch veröffentlicht Klaus Mann mit neunzehn Jahren: die Erzählungen "Vor dem Leben", gefolgt von seinem ersten Roman "Der fromme Tanz". Mit Verve reklamiert er in seinem "Coming-out" die Rechte der Jugend. Mit "Kind dieser Zeit" legt er 1932 seine erste Autobiographie vor und veröffentlicht im gleichen Jahr "Treffpunkt im Unendlichen", das aufregende Bild einer "verlorenen Generation" am Vorabend des Nationalsozialismus. Klaus Mann begibt sich einerseits in den Bann seiner Drogenerfahrung und ist andererseits bereit, politische Verantwortung zu übernehmen. 1933 geht er ins Exil und tut das ihm Mögliche, um die nun in Europa und Amerika verstreuten Autoren der Emigration zusammenzuhalten, die ganz unterschiedlich eingestellten Persönlichkeiten im antifaschistischen Kampf zu einen. Das Scheitern der Volksfront und der immer wahrscheinlicher werdende Krieg führen zu ersten großen Depressionen. 1937 geht Klaus Mann nach Amerika. Hier erscheinen sein Exilroman "Der Vulkan", seine zweite Autobiographie "The Turning Point", und "André Gide and the Crisis of Modern Thought", bevor er als Soldat der US-Armee nach Europa zurückkehrt. Der Sieg über Nazi-Deutschland ist für ihn mit zwei deprimierenden Erfahrungen verbunden: Die Allianz gegen Hitler zerbricht in zwei politische Lager und in Deutschland gilt der Exilant nichts. Klaus Manns Bücher und seine Stimme sind nicht gefragt. Am 21. Mai 1949 nimmt Klaus Mann sich in Cannes das Leben. Die "Klaus-Mann-Schriftenreihe" zeichnet den Lebensweg des Autors nach, spürt das Wechselspiel von persönlichen und zeithistorischen Umständen auf. Vier Jahrzehnte haben die Autoren recherchiert, umfangreiche Korrespondenzen und persönliche Gespräche geführt. Auf diese Weise konnten sie die autobiografischen Zeugnisse Klaus Manns und die vorhandenen, bruchstückhaften Faktensammlungen um zahlreichen substanzielle Daten, Namen, Milieu- und Hintergrundinformationen bereichern. Vor diesem Hintergrund leisten sie auch eine umfassende Analyse des Gesamtwerks. Die Schriftenreihe ist mehr als eine Biographie, mehr als ein Klaus-Mann-Forschungsbericht. Sie präsentiert ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte im Fokus einer einzigartigen Persönlichkeit.