"Der Moment"
Er ist einer der beständigsten Musiker im deutschsprachigen Raum und denkt selbst mit sechzig noch lange nicht ans Aufhören. Seit rund drei Dekaden gehört Klaus Lage zu den erfolgreichsten und umtriebigsten Protagonisten der hiesigen Rockmusikszene, selbst nach all den Jahren lässt er keine Ermüdungserscheinungen erkennen. Auf dem 16. Studioalbum präsentiert er sich leidenschaftlich, inspiriert und integer wie eh und je. Das Werk mit dem Titel "Der Moment", das Lage ab April 2011 auf einer umfangreichen Tournee live vorstellen wird, hat alles, was die Anhänger an dem gebürtigen Niedersachsen seit jeher so lieben: seine kernige Gesangsstimme mit hohem Wiedererkennungswert, packende Rockrhythmen und aussagekräftige Songtexte mit fein beobachteten Geschichten aus dem Alltag.
Auf seinem jüngsten Album verarbeitet Klaus Lage eigene Erlebnisse und Erfahrungen zu glaubwürdigen Songstorys. So singt er beispielsweise in "Wer ich bin" von der Suche nach der eigenen Identität und von den ungenutzten Möglichkeiten, die wohl in jedem von uns schlummern. "Du hast mir so geholfen", eine wunderschöne Folkballade mit Akustikgitarre, Dobro und Mandoline, handelt von Verlässlichkeit in der Liebe und dem Zueinanderstehen in schweren Zeiten. Und "Gutes Ende" thematisiert feinfühlig das schwierige Thema des Sterbens und das, was vielleicht nach dem Tod kommen mag.
Als aufmerksamem Chronisten unserer Zeit entgeht Klaus Lage keine gesellschaftliche Entwicklung. Ein treffliches Beispiel dafür ist "Superstars". In Anlehnung an den aktuellen Casting-Show-Boom in unserer Fernsehlandschaft zeigt der Sänger hier die Schattenseiten des heutigen Showgeschäfts, in dem sich junge Menschen nur allzu oft verbiegen und ihre wahren Befindlichkeiten verheimlichen, um auf dem Weg zum Popolymp voranzukommen. Ohne Rücksicht auf Verluste gehen auch die Songfiguren im schwülen Swampblues "Das hat mit Liebe nichts zu tun" ihren Weg. Sie haben alles, was man sich für Geld kaufen kann, nur, dass ihnen beim Einrichten im Luxusleben die Liebe abhanden gekommen ist und sie emotional verkümmert sind, das bemerken sie nicht. Einen weiteren Trend unserer Zeit greift Klaus Lage zur Banjo- und Boogieklavier-Begleitung in der Songsatire "Jeden Tag" auf. Mit trockenem Humor setzt er sich hier mit dem gegenwärtigen Hang zu Klatsch und Tratsch auseinander, seien es nun Nachrichten aus der Welt der Promis oder Gerüchte aus der Nachbarschaft: der ganz normale Wahnsinn in einem 4-Minuten-Song verdichtet.
Sehr sympathisch fällt auf, dass Lage trotz seiner Erfolgskarriere nie die Bodenhaftung und den Blick für die Unterprivilegierten verloren hat. Der 1950 in Soltau in der Lüneburger Heide geborene Künstler begann vor der Musikerlaufbahn eine Lehre zum Großhandelskaufmann, ohne diese zu beenden, ging er nach Berlin und arbeitete als Erzieher und Sozialarbeiter in einem Kinderheim. Die Empathie für Menschen, mit denen es das Leben nicht so gut meint, hat er sich ganz offensichtlich bis heute bewahrt. Im Albumeröffnungstitel "Einzelgänger" etwa portraitiert Lage einen Mann, der nach zufriedenen Jahren plötzlich von mehreren Schicksalsschlägen aus der Bahn geworfen wird, durchs soziale Raster fällt und sich nun mit Gelegenheitsjobs und Bettelei durchschlagen muss. Wie da der soziale Abstieg aus der Perspektive des Betroffenen geschildert wird, geht unter die Haut! Genauso wenig lässt einen die Hauptperson im Lied "Traumschiff" kalt. Das Stück bricht eine Lanze für eine Supermarktverkäuferin, die sich mit Hilfe märchenhafter TV-Serien aus ihrem tristen Dasein fortträumt. Berührend, wie der mitfühlende Song der glücklosen Frau ihre Würde lässt.
Wenn Klaus Lage heute ein neues Album veröffentlicht, sind ihm Aufmerksamkeit der Medien und Interesse der Fans gewiss, am Anfang seiner Laufbahn sah das noch etwas anders aus. Seine Zeit beim Berliner Rock Ensemble in den 1970er Jahren etwa wurde von lokalen Zeitschriften und Radiosendern zwar registriert, mehr passierte damals freilich noch nicht. Auch die selbstironisch betitelte Debütsingle im Alleingang ("Alle ham's geschafft außer mir") und die ersten beiden Soloalben ("Musikmaschine", "Positiv") verhallten mehr oder weniger unbemerkt. Einen ersten Achtungserfolg konnte Lage mit der Single "Komm halt mich fest" erzielen, der Durchbruch gelang ihm dann 1983 mit "Stadtstreicher", Numero drei in der Albumzählung, sowie dem ausgekoppelten "Mit meinen Augen". Mit dem Longplay "Schweißperlen" und dem Megahit "1000 und eine Nacht" machte es dann endgültig 'zoom'. Klaus Lage war mit einem Schlag etabliert, und das, obwohl er mit seinem ungekünstelten Naturell nicht zu den damals angesagten, neudeutsch gewellten Kunstfiguren passen wollte. Sein handgemachter Rocktraditionalismus war vom Casiogebimmel der NDW-Generation weit entfernt, aber wahre Qualität setzt sich nun mal durch. Zum ersten Schimanski-Kinofilm steuerte Lage das bis heute populäre "Faust auf Faust" bei, zum zweiten Film „ZABOU“ das von Joe Cocker interpretierte "Now That You're Gone". Mitte der Neunzigerjahre nahm er mit Irene Grandi ein deutsch-italienisches Duett auf, übertrug Randy Newmans Songs für den Disney-Film "Toy Story" ins Deutsche und übernahm die Hauptrolle im Musical "Stars". Nach dem Millenniumswechsel gab der Künstler auf seiner eigenen CD-Marke Hörbücher mit Sprechern wie Hannes Jaenicke und Peter Lohmeyer heraus, er fügte seiner Diskographie die Alben "Die Welt ist schön!", "Zug um Zug" und "nah und wichtig" hinzu, und er stellte auf zwei CDs selbst die Retrospektive "Beste Lage" zusammen. Puh, was für ein Werkkatalog!
Auf dem jüngsten Album nun beweist Klaus Lage einmal mehr sein Talent für gehaltvolle Songtexte, und auch das Gespür für eingängige Melodien kommt deutlich zum Tragen. Am besten vielleicht im Title-Track "Der Moment". Das Lied über einen Frischverliebten ist mit seinem Ohrwurmrefrain absolut hitverdächtig und wird sich live wohl schon bald in die Liste der Publikumsfavoriten einreihen.
Veröffentlichung: 25. Februar 2011
Januar 2011
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