Neue Zürcher Zeitung
Athen verstehen
Ereignisgeschichte
in klassischer Zeit
Karl-Wilhelm Welwei hat eine politische Geschichte Athens in «klassischer» Zeit geschrieben. Er spannt den Bogen von den Reformen des Kleisthenes (508/07 v. Chr.) bis zur Schlacht von Chaironeia (338 v. Chr.) und deutet damit an, dass Verfassungsentwicklung und besonders Aussenpolitik im Zentrum seiner chronologischen Darstellung stehen. Die Vertrautheit Welweis mit seinem Material den Quellen und der Forschungsliteratur ist buchstäblich auf jeder Seite zu spüren und macht das Werk zu einem wichtigen Handbuch, das im übrigen durch sorgfältige Indizes hervorragend erschlossen ist. Wer also zu bestimmten Einzelheiten der athenischen Geschichte kompetente Information sucht, ist bei Welwei gut aufgehoben.
Die Verengung auf Ereignisgeschichte lässt eine kontinuierliche Lektüre jedoch zu einem mühevollen Unterfangen werden. Von neueren Ansätzen der Sozial- oder Kulturgeschichte zeigt sich Welwei in diesem Buch weder thematisch noch methodisch berührt. Wie er im Vorwort betont, geht es ihm um «die Wertung der Triebkräfte und Ziele athenischer Machtpolitik». Welwei hat hier leider wenig mehr zu bieten, als sich zum Anwalt der Athener aufzuwerfen. Er wird nicht müde, die athenische Machtpolitik mit ihren desaströsen Folgen für andere Städte, aber auch für Athen selbst aus den jeweiligen Umständen «verstehen» zu wollen.
Doch der immanente Standpunkt erklärt nichts. Nicht ob diese oder jene Entscheidung des athenischen Volkes ein intellektuelles oder moralisches Versagen bedeutet, wäre die grundlegende Frage, sondern warum es der athenischen Demokratie anders als etwa der römischen Republik niemals gelungen ist, ein stabiles Bündnissystem aufzubauen. Zum Problem des Verhältnisses von Demokratie und Imperialismus in Athen gibt das Buch von Welwei leider keine neuen Anstösse.
Kai Trampedach
Perlentaucher.de
Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.1999
Als stoffreiche und klar formulierte Synthese zur politischen Geschichte Griechenlands des fünften und vierten Jahrhunderts begrüßt Uwe Walter den Band. Ihn scheint es gerade zu freuen, dass hier ein Buch die Demokratie in Athen im engeren Sinne politisch betrachte und nacherzähle. Anders als Christian Meiers großes Athen-Buch dokumentiere Welwei alle seine Erkenntnisse anhand der Quellen und der neuesten Sekundärliteratur. Welwei zeige zwar auch, wie unvernünftig die Athener häufig gehandelt hätten, aber er unterstreiche doch die Vernunft des gesamten Geschehensprozesses. Walter stellt das Buch den großen angelsächsischen Werken zur Epoche ebenbürtig zur Seite.
© Perlentaucher Medien GmbH