1001 Klassik-Alben ist ein hervorragendes Buch mit Beprechungen klassischer Musik auf Tonträger, das auf englisch und in Großbritannien erschienen ist und das hervorragend geblieben wäre, hätte man es in englisch und in Großbritannien belassen. Leider hat man aber den Versuch gemacht, es ins Deutsche zu übersetzen und auf den deutschsprachigen Markt zu bringen. Und genau damit beginnen die Probleme, denn das Buch ist - ganz einfach gesagt - geprägt von angelsächsischen Nationalismus, Patriotismus oder - einige würden sogar sagen - unsäglichen Chauvinismus. Das Buch ist ausschließlich für den angelsächsischen Markt interessant und hat wenig Bezug zum zentraleuropäischen Musikgeschmack: englische Komponisten, englische Interpreten, Orchester, Chor- und Orchesterleiter, englische Plattenfirmen dominieren das Buch weitgehend.
Zum Beispiel werden auf den ersten 70 Seiten (Musik bis 1700) 78 englische Interpreten, Ensembles und Ensemble-Leiter besprochen, aber nur 27 Aufnahmen aus dem Rest der Welt. Ein Rattle (sicherlich ein hervorragender Dirigent) ist öfter vertreten als Karajan, Boulez, Abbado und Janssons zusammen. Die Londoner Orchester werden sicherlich öfter empfohlen als die Wiener, Berliner, Leipziger, Amsterdamer oder Münchener Orchester zusammen. Unzählige Male sind die BBC Orchester empfohlen (kein Wunder, viele der Rezensenten arbeiten für den BBC oder für das BBC Music Magazin). Warum werden unzählige Aufnahmen mit Boult, Barbirolli, Beecham, Hickox oder Handley empfohlen aber wenig Aufnahmen mit deutschen Dirigenten (ein Harnoncourt kommt dreimal vor, kein Thielemann, kein Celibidache, wenig Gielen, Wand, Böhm, Kegel). Warum werden mehr Aufnahemn von Boult empfohlen als von Furtwängler und Toscanini zusammen? Ein Pianist Peter Hill wird öfter erwähnt als ein Pollini, ein Stephen Hough öfter als Svatoslav Richter. Die großen Aufnahmen von Richter, Gilels, Pollini, Michelangeli, Sokolov, Arrau (um nur einige zu nennen) werden zugunsten englischer Künstler (die hierzulande zum Teil gar nicht bekannt sind) ignoriert. Vom englischen Florestan-Trio ist praktisch jede Aufnahme empfohlen, französische oder deutsche Klaviertrios sind fast non-existent. Bei den Sängern wimmelt es von Aufnahmen mit Maltmann, Finley, Bostridge, Baker (fürwahr, alles gute Sänger), aber warum wenig Fischer-Dieskau, kein Quasthoff, keine Fassbaender, keine Janowitz, kein Goerne, kein Schreier? Warum werden bei einigen Werke von den vier Vergleichsaufnahmen gleich vier englische Aufnahmen (zum Teil mit dem gleichen Orchester) angeboten? Warum wird Isserlis (ein durchaus hervorragender Cellist, der im Übrigen das Vorwort zum vorliegenden Buch schrieb) häufiger erwähnt als Rostropovich, Maisky, Geringas, Casals und Shafran zusammen? Warum werden bei gleich zwei Sinfonien Shostakovichs ein Dirigent Mark Wigglesworth empfohlen (ich habe in eine der Aufnahmen hineingehört und könnte sicherlich zahlreiche bessere nennen, auch wenn man über "besser" oder "schlechter" reiflich diskutieren kann, da Musik nun nicht einmal ein 100m-Lauf ist, wo eindeutig einer als Sieger ins Ziel kommt). Wen interessieren Henry Woods Aufnahmen von 1938 (die meisten deutschen Klassikhörer werden wohl fragen, wer war das denn?).
Ein anderes Beispiel: von Aufnahmen mit Svatoslav Richter aus den 50iger oder 60iger Jahren wird explizit abgeraten, WEIL die Klangqualität so schlecht sei; bei englischen Interpreten (z.B. eine Aufnahme von Henry Woods von 1938, bei Aufnahmen von Boult, Beecham und Barbirolli) werden Aufnahmen empfohlen, OBWOHL die Klangqualität so schlecht ist.
Natürlich ist die Auswahl von Komponisten und Werke immer willkürlich und vom Geschmack des Herausgebers bestimmt, aber warum lokale Komponisten wie Milton Babbit, Arnold Bax, George Benjamin, Frank Bridge, George Butterworth, Eugene Goosens, Ross Edwards, Percy Grainger, Ivor Gurney, John Ireland, Peter Warlock, John Stainer oder Herbert Howells? Welche Rolle spielen die hier in Zentraleurope? Ein Arthur Sullivan ist zweimal besprochen, ein viel bekannterer (und besserer) Komponist wie Johann Strauss auch nur zweimal (und seien wir mal ehrlich; wen interressiert hier im deutschsprachigen Raum ein Arthur Sullivan?). Das Überbetonen englischer Komponisten zeigt sich auch hier: 6 mal Tippett, 10 mal Vaugham Williams, 6 mal Walton, 9 mal Elgar, 3 mal Holst, 2 mal Finzi, 2 mal Maxwell Davies, aber nur 7 mal Dvorak, 7 mal Janacek, 1 mal Pfitzner, 2 mal Hindemith, 1 mal Reger, 2 mal Korngold, 4 mal Berg, 2 mal Busoni. Ist Edvard Elgar tatsächlich doppelt so interessant wie Alban Berg? Ich bezweifle das. Warum Lieder von Finzi, Bolcom, Grainger, Maxwell Davies, Parry, Butterworth aber keine von Pfitzner, Busoni, Eisler, Reimann, Rihm?
Weiter: Englische und amerikanische Plattenfirmen dominieren das Buch: haufenweise CDs von Chandos, Hyperion, Maxopus, Bridge, Unicorn Kanchana, NMC, Guild, Albany, Phonix, ABC, Tall Poopies, obwohl einige von denen hier in Deutschland fast nicht oder nur sehr aufwändig greifbar sind.
Grotesk und skurril wird es dann, wenn Opern auf italienisch, französisch, russisch oder deutsch in englischer Übersetzung empfohlen werden (wie "Eugen Onegin", "Boris Godunow"). Welcher deutsche Hörer wird sich wohl Wagners Ring oder Alban Bergs Lulu in englischer Sprache kaufen oder anhören wollen? Wen interessiert Prokofieffs "Peter und der Wolf" in englisch, wenn es doch gute deutsche Aufnahmen (etwa mit Loriot) gibt, zumal das Stück gerade Kinder ansprechen soll.
Die Übersetzungen sind zum Teil grauenhaft schlecht: was ist denn ein "Wanderorchester" oder ein "Chef-Pferdewirt"?. Ein Igor Strawinsky wird als "eine Komponistin" bezeichnet. Es wimmelt von Schreibfehlern ("bereist" statt "bereits", "Im zweiter Zeil" statt "Im zweiten Teil", Shostakovich schrieb keine "Sieder", sondern Lieder)
Zudem kommt eine schludrige Recherche: den Werken sind falsche CD-Hüllen zugeordnet (Strawinskys Agon), im Kommentar werden Interpret und Komponist verwechselt (Schostakovich: Cellokonzert, Schtschedrin: Carmen-Suite), ein Bele Bartok schrieb auch keine 1. Sinfonie oder eine Suite für Cello solo, wie ein Artikel behauptet.
Kommen wir zum Positiven: erfreulicher Weise ist Musik aus dem 20. Jht. vielfältig vertreten, allerdings tauchen hier wieder die gleichen Probleme auf. Warum Werke von Jonathan Harvey aber keine von Kancheli, warum George Benjamin aber kein Reimann, warum 3mal Taverner, aber keine Saariaho, kein Cerha. Warum ein Werk von Ross Edwards (Gewissensfrage: wer kennt den?) und nur eines von Henze oder Schnittke? Warum keine Oper von Henze? Warum zwei Werke von Turnage (wobei bei einem die Eloge auf den Komponisten schon direkt peinlich wirkt und an die Huldigungshymen aus vergangener Zeit erinnern).
Das Werk ist laut Umschlag für "Klassik-Neulinge und erfahrene Konzertbesucher" geeignet - das mag wohl auf die englsiche Ausgabe zutreffen. Für Mitteleuropäer ist ein Großteil des Buches in keinester Weise interessant und relevant. Es zeigt sich, dass im kulturellen Bereich eine völlig unbearbeitete Übernahme solch eines Werkes, vollkommen unsinnig ist: in der Schule würde man sagen: setzen, sechs, Thema verfehlt.
Das Bedenkliche an der ganzen Sache ist allerdings, dass es ein Kulturraum wie der deutschsprachige, über Jahre nicht zustande bringt, einen Klassik CD-Führer für den heimischen Markt zu produzieren. Nur aus diesem Grunde hat "1001 Klassik-Alben" überhaupt eine Existenzberechtigung. Für gut englischsprechende Klassik-Interessierte empfehle ich die Gramophone Classical Music Guide: der ist zwar auch sehr Britannien-lastig, aber die Interpretenauswahl scheint mir ehrlicher und weniger von nationalistischen Interessen bestimmt.