Aus der Amazon.de-Redaktion
In diesem Ton geht es weiter. Wer auch nur den Hauch von Selbstkritik erwartet hatte, sieht sich enttäuscht. Möllemann hält weder sein antiisraelisches Wahlkampf-Flugblatt für einen Fehler, noch relativiert er seine unsäglichen Äußerungen, wonach der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, durch sein Verhalten dem Antisemitismus hier zu Lande selbst Zulauf verschaffe. Vielmehr stellt sich der Autor als verfolgte Unschuld dar: Ein totalitäres Medienkartell habe ihn "öffentlich hingerichtet", nur weil er ein "Andersdenkender" sei.
In unzusammenhängenden Kurz- und Kürzest-Kapiteln reißt Möllemann die unterschiedlichsten Themen an, von der Wehrpflicht über den Transrapid bis zum Treibhauseffekt, nie in die Tiefe gehend und stets nur mit der einen Botschaft: "Die da oben" machen es falsch, aber er, Möllemann, kennt die richtigen Alternativen.
Auch den Spekulationen über eine mögliche Parteigründung gibt Möllemann Nahrung: "Deutschland braucht eine neue Politik. Und wenn es erforderlich ist, auch eine neue Partei." Der Autor setzt dabei erkennbar auf jene Strategie, die Rechtspopulisten in anderen europäischen Ländern bereits erfolgreich angewandt haben: Er malt die Krise des Landes in den düstersten Farben, kritisiert die Politiker aller Parteien als unfähig und stilisiert sich selbst zum Heilsbringer und Anwalt der "kleinen Leute": "Es ist höchste Zeit den Bürgern zu sagen: Ihr seid das Volk! Steht auf! Lasst euch dieses Spiel nicht mehr gefallen! Schließt Euch zusammen und zeigt den Politikern die rote Karte!"
Nachtrag: Am 5. Juni 2003 starb Jürgen Möllemann tragischerweise nach einem ungebremsten Fallschirmsprung. --Christoph Peerenboom
Kurzbeschreibung
Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis: Haben Sie auch eine Krawatte? · Weniger Politik wagen · Bei den Jungtürken · Lauter Holzwege · In spe und a.D. · Die Macht der Parteien brechen · Rücktritte und Pensionsansprüche · Krieg und Frieden · Mein Nahost-Geheimplan · Von Leoparden und Füchsen · Majestätsbeleidigung · Speerspitze NRW · Opium fürs Volk · Volle Deckung · Den Staat vom Kopf auf die Füße stellen · Der Marktgraf und der Zauderer · "Projekt 18" · Spaß und Kultur · Israel und Palästina · Die Erpressung · Von Pipelines und Militärbasen · Der Flyer und der Springer · Tonbänder und Management "by Chaos" · Fort mit dem Zwang · Angeheitert und speiübel · Der Wortbruch · Jedem Kind seine Chance · Freie Schulen braucht das Land · Sein oder tun · Eine Konferenz für Nahost · Friedman und der Unfriede · Dableiben und weggehen · Meine vier Kanzler · Land unter · Jürgen von Arabien · Entwicklung statt Hilfe · Arabische Begegnungen · Asien · Alte sind kein Alteisen · Meine sieben Vorsitzenden · Auch Prominente sind Menschen · Wider die Funktionärs-demokratie · Die verleumdete Kolumne · Populismus und Tabus · Brückenland Iran · FDP ade · Neue Wege braucht das Land
Klappentext
Süddeutsche Zeitung
"Nüchterne Bilanz" habe er gezogen. Ungeschminkt. Auch wenn ihm das an vielen Stellen sehr schwer gefallen sei. "Denn wo immer ich über nahe Weggefährten urteile, ist das zugleich Vorwurf an mich selbst." Außerdem: beim Einstecken sei er schließlich weit in Vorlage getreten. Eine Legitimation quasi, um kräftig auszuteilen. Hans-Dietrich Genscher und Guido Westerwelle sind für ihn Weicheier, die gegenüber Wehrlosen immer gern knallhart seien. "Dr. Westerwelle" bekommt in vielen Kapiteln sein Fett weg, "wenn ihn niemand treibt, dann treibt er nichts", schreibt Möllemann."
Frankfurter Rundschau
Manche begrüßen Möllemann mit diesem Buch, mit dem er "die Vergangenheit endgültig abschließen" will, wieder zurück auf der politischen Bühne. Lange war er abgetaucht seit den kritischen Tagen vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr. Mal weilte er in seinem Haus auf Gran Canaria oder im Nahen Osten und kommunizierte nur über lancierte Interviews. Mit den jetzt vorgelegten 47 Kapiteln auf 256 Seiten soll die Zeit des Schweigens vorbei sein. Aufräumen, um den "Blick nach vorn" zu ermöglichen, nannte er selbst als Motto für sein Werk. Fast logisch erscheint es da, dass sich eine Hälfte des Buches mit der zurückliegenden Zeit, die andere mit der Politik der Zukunft beschäftigt.
Spiegel online