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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.2001
Nur selten, findet Rezensentin Sabine Doering, sind der Autorin lebendige Schilderungen geglückt. Denn die Figuren hätten kaum eine Chance, etwas zu unternehmen, ohne dass "sogleich eine unmissverständliche Deutung ihres Verhaltens" mitgeliefert werde. Also macht sich die Rezensentin auf die Suche nach der Ursache dieses Übels und findet es in der Rezeptur des Buches. Ein anspruchsvoller und spannender Roman hätte es werden sollen, zeitkritisch und unbequem zugleich. Damit, vermutet die Rezensentin dann, der Roman auch noch der Frauenliteratur für die "welterfahrene Frau ab vierzig" zugeschlagen werden konnte, musste noch ein Schuss Feminismus mit hinein. So kommt die Geschichte über die Literaturwissenschaftlerin Saskia, die mit Hilfe des Tagebuchs ihrer verschwundenen Zwillingsschwester Klara auf der Suche nach Durchblick ist, nicht so richtig in Fahrt. Das Spiel mit der "verdoppelten Identität", das die Autorin mit ihren Leserinnen treibt, wird der Rezensentin bald zuviel. Auch, weil es zu allem Überfluss mit Anspielungen auf einen der "großen medizinischen Mythen der letzten Jahre", das Syndrom der Persönlichkeitsspaltung, zusätzlich unterfüttert ist.
© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Nur selten, findet Rezensentin Sabine Doering, sind der Autorin lebendige Schilderungen geglückt. Denn die Figuren hätten kaum eine Chance, etwas zu unternehmen, ohne dass "sogleich eine unmissverständliche Deutung ihres Verhaltens" mitgeliefert werde. Also macht sich die Rezensentin auf die Suche nach der Ursache dieses Übels und findet es in der Rezeptur des Buches. Ein anspruchsvoller und spannender Roman hätte es werden sollen, zeitkritisch und unbequem zugleich. Damit, vermutet die Rezensentin dann, der Roman auch noch der Frauenliteratur für die "welterfahrene Frau ab vierzig" zugeschlagen werden konnte, musste noch ein Schuss Feminismus mit hinein. So kommt die Geschichte über die Literaturwissenschaftlerin Saskia, die mit Hilfe des Tagebuchs ihrer verschwundenen Zwillingsschwester Klara auf der Suche nach Durchblick ist, nicht so richtig in Fahrt. Das Spiel mit der "verdoppelten Identität", das die Autorin mit ihren Leserinnen treibt, wird der Rezensentin bald zuviel. Auch, weil es zu allem Überfluss mit Anspielungen auf einen der "großen medizinischen Mythen der letzten Jahre", das Syndrom der Persönlichkeitsspaltung, zusätzlich unterfüttert ist.
© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Ein harmloser Fahrradunfall bringt Saskias glckliches Leben mit Mann und Tochter durcheinander. Ihre mhsam verdrngte Vergangenheit wird wieder wach: Erinnerungen an einen Todesfall und an ihre Zwillingsschwester Klara, die seit zehn Jahren verschwunden ist. Saskia sucht Zuflucht und Vergessen in den schwedischen Schren ihrer Kindheit. Dort warten nicht nur Klaras Tagebcher auf sie, sondern auch Kriminalinspektor Adolfsson. "Ein spannendes Buch von einer jungen Autorin, die wirklich eine Geschichte erzhlen kann." Marianne Fredriksson.
Über den Autor
Barbara Voors wurde 1967 in Stockholm geboren. Sie lebte mit ihren Eltern eine Zeitlang im Iran, mit 11 Jahren kehrte sie nach Stockholm zurück. Bis 1997 war sie als Journalistin im Rahmen der Arbeit kirchlicher Hilfsorganisationen in Zimbabwe und Mocambique tätig. Heute lebt sie wieder in Stockholm. Die Autorin debütierte 1990 mit dem Roman "Älskade du". Es folgten "Akvarium" (1991), "Tillit till dig" Roman, 1993), "När elefanter danser" (Reisebericht über Tansania, 1994).
Auszug aus Klaras Tagebuch von Barbara Voors. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Meine Mutter war eine emanzipierte Frau. Sie starb auf einer Vorstandssitzung
am Herzinfarkt, so wie es männliche Direktoren tun. Meine Mutter war erfolgreich, und sie
starb einen für erfolgreiche Menschen normalen Tod. Ich hätte es lieber gesehen, wenn sie
dem Tod ein Schnippchen geschlagen, ihren Posten als einzige Frau im Vorstand behalten
und statt dessen hier in der Tür gestanden hätte, um mich zu empfangen. Daß sie die Sache
mit Klara nicht mir allein überlassen hätte. Magnus sieht, was ich denke, an wen ich denke. Er
weiß mehr von mir, als ein Mann über seine Frau wissen sollte. Er stört mich unendlich. »Es
ist nicht, wie du glaubst«, sage ich leichthin. »Ich glaube nichts.« »Aber du weißt eine
Menge.« »Ja.« »Zum Beispiel?« »Daß wir hier aufräumen müssen. Und daß wir hier den
ganzen Sommer bleiben müssen, daß du Ruhe brauchst und wir nicht nach Amsterdam
zurückkehren können, bevor es geschafft ist.« »Ja.« »Was ist?« »Wie wäre es, wenn du in
deinen Ecken aufräumst und ich in meinen?« Ich räume die Liebe aus unserem Leben weg,
und das erfordert nur wenige Worte, barbarisch wenige. Liebe erfordert Sanftmut und ein
gutes Gedächtnis, damit man den Anlaß für seine Versprechen lebendig hält. In den letzten
Monaten - oder ist es schon länger her - ist unser Liebesleben in Vergessenheit geraten. Unser
Ehebett steht verstaubt, und ich bin schuld daran, Magnus wird es nicht so weitergehen
lassen: Er hat ein gutes Gedächtnis. Doch kennt auch er nicht die ganze Wahrheit. An Malin,
die mich nicht mehr anfaßt, an ihrer Art, sich zu bewegen, merke ich, daß ich sarkastisch
geworden bin, manchmal sogar gemein. Das ist nichts, worauf ich stolz bin, aber es hilft
einem beim Überleben, besonders mit einer Geschichte, wie ich sie habe. Beim Aufräumen
gelange ich ins Schlafzimmer meiner Mutter. Dort steht ein einsames Bett. Ich sehe sie vor
mir, allein draußen auf der Veranda, allein im Bett, und wie sie das Essen für nur eine Person
zubereitet. »Warum sind erfolgreiche Frauen so einsam?« frage ich Magnus. »Das ist nicht so
einfach zu sagen«, antwortet er. Natürlich ist nichts einfach. Doch was ich mich immer
gefragt habe: Warum kommt es so häufig vor? Mutter. Ich hätte öfter hier sein sollen. Ich
hätte hier sein sollen. Neben ihrem Bett steht der Nachttisch, den Vater und ich in einem
Sommer gebaut haben. Er ist blau, mit Rosen bemalt, die Rosen sehen eher aus wie
explodiertes Preiselbeerkraut. Auf dem Nachttisch steht ein Kinderbild von Klara und mir, in
genau den gleichen Kleidern mit lila Rock und gepunktetem Mieder, vor unserem Zuhause in
Arnhem, in Holland. Neben dem Foto steht eins von Vater, und es geht mir durch den Kopf,
wie wenig ich von meiner Mutter weiß. Dort liegt auch ein Brief. Er ist an mich adressiert. Ich
starre ihn lange an, schüttle den Staub von der Tagesdecke und lege mich aufs Bett. Dann
greife ich nach dem Brief. Er ist nicht beendet worden, fast nur ein Entwurf und nach
dreijährigem Warten ein wenig vergilbt. Drei Jahre Warten auf mich. Dort steht: Meine
geliebte Tochter, ich weiß, was Du nicht willst, und auch, was Du meinst, nicht zu können.
Aber, glaub mir, ich kenne Dich durch und durch - ich, wenn überhaupt jemand, weiß, was
Du tun mußt. Du hast schon verstanden. Ich will, daß Du auf den Boden hochsteigst. Dort
wirst Du einen grünen Pappkarton finden, und Du wirst genau wissen, was da drin liegt. Er ist
deutlich sichtbar hingestellt. Ich will, daß Du das liest, was Du dort findest, und ich bitte
Dich, die Konsequenzen zu ziehen. Du mußt die Wahl treffen, die von Dir gefordert wird, um
Malins willen, um Magnus' und Deinetwillen. Denke daran, daß ich Dich immer liebe. Ich
weiß nicht, ob Dir das genügend Kraft geben kann. Als Mutter wünscht man, daß die eigene
Liebe die Kinder vor all den Dingen schützt, die weh tun. Aber so ist es nicht. Wir wissen es
nur allzu gut. Ich schreibe das hier, weil ich weiß, daß nichts einfach sein wird, daß ich
vielleicht . . . Es scheint, als hätte sie den Stift nur weggelegt, um ein wenig nachzudenken.
Doch etwas mußte sie in die Stadt zurückgezogen haben, irgendeine Arbeit, die nicht warten
konnte, und sie hatte sicher vorgehabt, hierher zurückzukehren und den Brief zu beenden,
doch statt dessen brach sie tot zusammen. Ihre Art zu schreiben wirkt, als hätte sie geahnt, daß
etwas geschehen würde. Als ob sie gewußt hätte, daß sie ein paar Dinge beenden müßte, das
Haus aufräumen, einen Brief an mich schreiben, auf Sitzungen gehen. All das in einem dieser
eitlen, doch hilflosen Versuche, den Tod nicht an sich ranzulassen. Was für ein Recht habe
ich, darüber zu urteilen, wie sie gelebt hat? Jedes Recht. Ich gebe mein Urteil ab, weil ich
weiß, daß ich ohne sie keine Chance habe. So wenige sind es, die die Wahrheit kennen, und
einer nach dem anderen sterben sie. Bald bin nur ich allein übrig. Nur ich. Mit einer
Erinnerung so unglaublich leer. Klara. Es gibt keinen Weg zurück, kaum einen vorwärts. Ich
weiß alles von dir, ich weiß nichts von dir. Ich weiß, wie es war, wenn du geliebt hast, doch
kann ich das Gefühl nicht mehr spüren. So lange bin ich eine Frau ohne Vergangenheit
gewesen, daß ich vergessen habe, wieviel Wärme man empfindet, wenn man mit
Erinnerungen lebt. Mein erwachsenes Leben habe ich der Forschung gewidmet, ich
beschäftige mich mit Menschen, die vor hundert Jahren starben ohne zu begreifen, daß
darüber zehn Jahre meines Lebens vergangen sind. An mein eigenes Leben erinnere ich mich
überhaupt sehr schlecht, während ich alles über ein paar jene weiß, die die Welt im 19.
Jahrhundert schilderten. Wer bin ich geworden? Meine Mutter will, daß ich auf den
Dachboden steige. Malin will, daß ich bei ihr bin. Magnus will eine Frau haben, die wieder
lieben kann. Klara will, daß man sich an sie erinnert. Desiree will erneut gerettet und
akzeptiert werden. Und ich? Ich will nach Amsterdam zurückkehren, wo ich mir ein Leben
aufgebaut habe und mich niemand von früher her kennt. Ich will nach mir selbst suchen,
indem ich das Leben anderer, doch nicht mein eigenes ergründe. Meine Mutter aber will, daß
ich diesen Sommer auf den Dachboden steige. Sie will, sie verlangt, daß ich mich den Dingen
dort oben stelle. Den ganzen Tag verbringe ich damit, Mut zu fassen. Es gelingt mir nicht.
Der Abend bricht an, dann die Nacht, und mit ihr kommt die Schlaflosigkeit. Ich weiß, daß
ich keine Ruhe finden werde, bevor ich die Sache erledigt habe. Das Gehirn schläft nie. Ich
wünschte so sehr, daß ich es abschalten könnte, auch wenn es nur für ein paar Nachtstunden
wäre. Ich höre Magnus atmen und im Nebenzimmer Malin im Schlaf reden. Um Malins
willen? Ich verlasse das Bett und schleiche in die Diele, wo sich die Luke zum Boden
befindet. Vorsichtig ziehe ich die Treppe herunter, die erstaunlich leicht vor meine Füße
klappt. Es riecht nach Öl. Ich habe keine Angst; ich habe so viel Angst, daß es mich schüttelt.
Sich zwischen dem rechten und dem linken Fuß zu entscheiden, bereitet unüberwindliche
Schwierigkeiten. Ich schließe die Augen und versuche es mit beiden Füßen. Es gelingt nicht.
Bin jetzt allein, nur ich bin übrig, keine Bücher gibt es zum Schutz gegen die Erinnerung,
keine Blicke, denen man ausweichen, keine Fragen, auf die man gereizt antworten kann. Ich
könnte die Treppe geräuschlos wieder in Richtung Himmel schieben. Wäre es nicht am besten
so? Wenn Geheimnisse begraben, verschwundene Menschen tot blieben, unsere Sünden
vergeben sein könnten? Als ich auf dem Dachboden ankomme, stoße ich direkt neben der
Luke auf den grünen Karton. Nein, Mutter, ich konnte ihn nicht verfehlen. Ich kauere mich
hin und betrachte ihn. Es ist ein alter Karton mit Stahlkanten und einem Metallrähmchen auf
der Vorderseite, in den ein Zettel mit Inhaltsangabe gehört. Diesem hier fehlt das Verzeichnis.
Meine Finger heben den Deckel hoch, und zuoberst liegt ein leeres Blatt Papier. Ich nehme es
weg, und ein weiteres folgt. Blatt für Blatt, leer. Panik überfällt mich bei dem Gedanken, daß
all das Papier im Karton wirklich leer sein könnte, obwohl es so natürlich am besten wäre.
Doch nein, da erscheint schließlich ein vergilbter Zeitungsausschnitt auf einem Stapel von
Schreibheften. Die Notiz ist kurz, der Ton sachlich, die Sprache nüchtern. Niemand hatte
damals wohl geahnt, daß dieser Notiz aus der Mitte der achtziger Jahre ein Artikel nach dem
anderen folgen würde, bis der Fluß der Nachrichten wegen fehlender Klärung versiegte. Der
Ausschnitt trägt das Datum vom 23. August 1984. Dort steht: In einem Haus, unweit von
Stockholm, wurden gestern zwei Menschen tot aufgefunden. Die Frau, 33, war in den Kopf
und der Mann in die Brust geschossen worden. Im Zusammenhang mit den Todesfällen wird
vom Verschwinden einer dreißigjährigen Frau berichtet. In letzterem Fall hat die Polizei
Anlaß, Selbstmord zu vermuten. Eine Leiche wurde jedoch noch nicht gefunden, und die
Umstände der Sache sind äußerst unklar. Es ist ebenfalls unklar, ob und wie dieses
Verschwinden mit den beiden Todesfällen in Verbindung zu bringen ist. Die erschossene Frau
hieß Desireie Cronenfelt. Sie war Klaras beste Freundin. Der Mann hieß Henrik von Rensen.
Er war eins von Desirees Spielzeugen. Die verschwundene Frau war Klara Märstedt. Ich
bemerke, daß ich weine. Das einzige, was ich denken kann, ist seltsamerweise: Könnte sie
doch wieder zu mir nach Hause finden. Tief in mir höre ich einen Schrei. Ich war es, die
immer wieder geschrien hatte: »Mein Gott, gibt es nicht jemanden, der mir helfen kann.«
Dieser jemand war Magnus. Unter der Notiz liegen Klaras Tagebücher. Sie sind an mich
adressiert, ich weiß es. Mutter hat einen Zettel darauf gelegt mit dem Datum der Hefte: Herbst
1980 bis Sommer 1984. Ich glaube, das hier wird ein langer Sommer. Ich weiß nicht, wer ich
sein werde, wenn er vorüber ist. Das erschreckt mich. Mir bleibt noch jede Wahl, doch habe
ich das Gefühl, als hätte ich keine mehr. Nur diese: Klara, geliebte Klara, meine Schwester. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
am Herzinfarkt, so wie es männliche Direktoren tun. Meine Mutter war erfolgreich, und sie
starb einen für erfolgreiche Menschen normalen Tod. Ich hätte es lieber gesehen, wenn sie
dem Tod ein Schnippchen geschlagen, ihren Posten als einzige Frau im Vorstand behalten
und statt dessen hier in der Tür gestanden hätte, um mich zu empfangen. Daß sie die Sache
mit Klara nicht mir allein überlassen hätte. Magnus sieht, was ich denke, an wen ich denke. Er
weiß mehr von mir, als ein Mann über seine Frau wissen sollte. Er stört mich unendlich. »Es
ist nicht, wie du glaubst«, sage ich leichthin. »Ich glaube nichts.« »Aber du weißt eine
Menge.« »Ja.« »Zum Beispiel?« »Daß wir hier aufräumen müssen. Und daß wir hier den
ganzen Sommer bleiben müssen, daß du Ruhe brauchst und wir nicht nach Amsterdam
zurückkehren können, bevor es geschafft ist.« »Ja.« »Was ist?« »Wie wäre es, wenn du in
deinen Ecken aufräumst und ich in meinen?« Ich räume die Liebe aus unserem Leben weg,
und das erfordert nur wenige Worte, barbarisch wenige. Liebe erfordert Sanftmut und ein
gutes Gedächtnis, damit man den Anlaß für seine Versprechen lebendig hält. In den letzten
Monaten - oder ist es schon länger her - ist unser Liebesleben in Vergessenheit geraten. Unser
Ehebett steht verstaubt, und ich bin schuld daran, Magnus wird es nicht so weitergehen
lassen: Er hat ein gutes Gedächtnis. Doch kennt auch er nicht die ganze Wahrheit. An Malin,
die mich nicht mehr anfaßt, an ihrer Art, sich zu bewegen, merke ich, daß ich sarkastisch
geworden bin, manchmal sogar gemein. Das ist nichts, worauf ich stolz bin, aber es hilft
einem beim Überleben, besonders mit einer Geschichte, wie ich sie habe. Beim Aufräumen
gelange ich ins Schlafzimmer meiner Mutter. Dort steht ein einsames Bett. Ich sehe sie vor
mir, allein draußen auf der Veranda, allein im Bett, und wie sie das Essen für nur eine Person
zubereitet. »Warum sind erfolgreiche Frauen so einsam?« frage ich Magnus. »Das ist nicht so
einfach zu sagen«, antwortet er. Natürlich ist nichts einfach. Doch was ich mich immer
gefragt habe: Warum kommt es so häufig vor? Mutter. Ich hätte öfter hier sein sollen. Ich
hätte hier sein sollen. Neben ihrem Bett steht der Nachttisch, den Vater und ich in einem
Sommer gebaut haben. Er ist blau, mit Rosen bemalt, die Rosen sehen eher aus wie
explodiertes Preiselbeerkraut. Auf dem Nachttisch steht ein Kinderbild von Klara und mir, in
genau den gleichen Kleidern mit lila Rock und gepunktetem Mieder, vor unserem Zuhause in
Arnhem, in Holland. Neben dem Foto steht eins von Vater, und es geht mir durch den Kopf,
wie wenig ich von meiner Mutter weiß. Dort liegt auch ein Brief. Er ist an mich adressiert. Ich
starre ihn lange an, schüttle den Staub von der Tagesdecke und lege mich aufs Bett. Dann
greife ich nach dem Brief. Er ist nicht beendet worden, fast nur ein Entwurf und nach
dreijährigem Warten ein wenig vergilbt. Drei Jahre Warten auf mich. Dort steht: Meine
geliebte Tochter, ich weiß, was Du nicht willst, und auch, was Du meinst, nicht zu können.
Aber, glaub mir, ich kenne Dich durch und durch - ich, wenn überhaupt jemand, weiß, was
Du tun mußt. Du hast schon verstanden. Ich will, daß Du auf den Boden hochsteigst. Dort
wirst Du einen grünen Pappkarton finden, und Du wirst genau wissen, was da drin liegt. Er ist
deutlich sichtbar hingestellt. Ich will, daß Du das liest, was Du dort findest, und ich bitte
Dich, die Konsequenzen zu ziehen. Du mußt die Wahl treffen, die von Dir gefordert wird, um
Malins willen, um Magnus' und Deinetwillen. Denke daran, daß ich Dich immer liebe. Ich
weiß nicht, ob Dir das genügend Kraft geben kann. Als Mutter wünscht man, daß die eigene
Liebe die Kinder vor all den Dingen schützt, die weh tun. Aber so ist es nicht. Wir wissen es
nur allzu gut. Ich schreibe das hier, weil ich weiß, daß nichts einfach sein wird, daß ich
vielleicht . . . Es scheint, als hätte sie den Stift nur weggelegt, um ein wenig nachzudenken.
Doch etwas mußte sie in die Stadt zurückgezogen haben, irgendeine Arbeit, die nicht warten
konnte, und sie hatte sicher vorgehabt, hierher zurückzukehren und den Brief zu beenden,
doch statt dessen brach sie tot zusammen. Ihre Art zu schreiben wirkt, als hätte sie geahnt, daß
etwas geschehen würde. Als ob sie gewußt hätte, daß sie ein paar Dinge beenden müßte, das
Haus aufräumen, einen Brief an mich schreiben, auf Sitzungen gehen. All das in einem dieser
eitlen, doch hilflosen Versuche, den Tod nicht an sich ranzulassen. Was für ein Recht habe
ich, darüber zu urteilen, wie sie gelebt hat? Jedes Recht. Ich gebe mein Urteil ab, weil ich
weiß, daß ich ohne sie keine Chance habe. So wenige sind es, die die Wahrheit kennen, und
einer nach dem anderen sterben sie. Bald bin nur ich allein übrig. Nur ich. Mit einer
Erinnerung so unglaublich leer. Klara. Es gibt keinen Weg zurück, kaum einen vorwärts. Ich
weiß alles von dir, ich weiß nichts von dir. Ich weiß, wie es war, wenn du geliebt hast, doch
kann ich das Gefühl nicht mehr spüren. So lange bin ich eine Frau ohne Vergangenheit
gewesen, daß ich vergessen habe, wieviel Wärme man empfindet, wenn man mit
Erinnerungen lebt. Mein erwachsenes Leben habe ich der Forschung gewidmet, ich
beschäftige mich mit Menschen, die vor hundert Jahren starben ohne zu begreifen, daß
darüber zehn Jahre meines Lebens vergangen sind. An mein eigenes Leben erinnere ich mich
überhaupt sehr schlecht, während ich alles über ein paar jene weiß, die die Welt im 19.
Jahrhundert schilderten. Wer bin ich geworden? Meine Mutter will, daß ich auf den
Dachboden steige. Malin will, daß ich bei ihr bin. Magnus will eine Frau haben, die wieder
lieben kann. Klara will, daß man sich an sie erinnert. Desiree will erneut gerettet und
akzeptiert werden. Und ich? Ich will nach Amsterdam zurückkehren, wo ich mir ein Leben
aufgebaut habe und mich niemand von früher her kennt. Ich will nach mir selbst suchen,
indem ich das Leben anderer, doch nicht mein eigenes ergründe. Meine Mutter aber will, daß
ich diesen Sommer auf den Dachboden steige. Sie will, sie verlangt, daß ich mich den Dingen
dort oben stelle. Den ganzen Tag verbringe ich damit, Mut zu fassen. Es gelingt mir nicht.
Der Abend bricht an, dann die Nacht, und mit ihr kommt die Schlaflosigkeit. Ich weiß, daß
ich keine Ruhe finden werde, bevor ich die Sache erledigt habe. Das Gehirn schläft nie. Ich
wünschte so sehr, daß ich es abschalten könnte, auch wenn es nur für ein paar Nachtstunden
wäre. Ich höre Magnus atmen und im Nebenzimmer Malin im Schlaf reden. Um Malins
willen? Ich verlasse das Bett und schleiche in die Diele, wo sich die Luke zum Boden
befindet. Vorsichtig ziehe ich die Treppe herunter, die erstaunlich leicht vor meine Füße
klappt. Es riecht nach Öl. Ich habe keine Angst; ich habe so viel Angst, daß es mich schüttelt.
Sich zwischen dem rechten und dem linken Fuß zu entscheiden, bereitet unüberwindliche
Schwierigkeiten. Ich schließe die Augen und versuche es mit beiden Füßen. Es gelingt nicht.
Bin jetzt allein, nur ich bin übrig, keine Bücher gibt es zum Schutz gegen die Erinnerung,
keine Blicke, denen man ausweichen, keine Fragen, auf die man gereizt antworten kann. Ich
könnte die Treppe geräuschlos wieder in Richtung Himmel schieben. Wäre es nicht am besten
so? Wenn Geheimnisse begraben, verschwundene Menschen tot blieben, unsere Sünden
vergeben sein könnten? Als ich auf dem Dachboden ankomme, stoße ich direkt neben der
Luke auf den grünen Karton. Nein, Mutter, ich konnte ihn nicht verfehlen. Ich kauere mich
hin und betrachte ihn. Es ist ein alter Karton mit Stahlkanten und einem Metallrähmchen auf
der Vorderseite, in den ein Zettel mit Inhaltsangabe gehört. Diesem hier fehlt das Verzeichnis.
Meine Finger heben den Deckel hoch, und zuoberst liegt ein leeres Blatt Papier. Ich nehme es
weg, und ein weiteres folgt. Blatt für Blatt, leer. Panik überfällt mich bei dem Gedanken, daß
all das Papier im Karton wirklich leer sein könnte, obwohl es so natürlich am besten wäre.
Doch nein, da erscheint schließlich ein vergilbter Zeitungsausschnitt auf einem Stapel von
Schreibheften. Die Notiz ist kurz, der Ton sachlich, die Sprache nüchtern. Niemand hatte
damals wohl geahnt, daß dieser Notiz aus der Mitte der achtziger Jahre ein Artikel nach dem
anderen folgen würde, bis der Fluß der Nachrichten wegen fehlender Klärung versiegte. Der
Ausschnitt trägt das Datum vom 23. August 1984. Dort steht: In einem Haus, unweit von
Stockholm, wurden gestern zwei Menschen tot aufgefunden. Die Frau, 33, war in den Kopf
und der Mann in die Brust geschossen worden. Im Zusammenhang mit den Todesfällen wird
vom Verschwinden einer dreißigjährigen Frau berichtet. In letzterem Fall hat die Polizei
Anlaß, Selbstmord zu vermuten. Eine Leiche wurde jedoch noch nicht gefunden, und die
Umstände der Sache sind äußerst unklar. Es ist ebenfalls unklar, ob und wie dieses
Verschwinden mit den beiden Todesfällen in Verbindung zu bringen ist. Die erschossene Frau
hieß Desireie Cronenfelt. Sie war Klaras beste Freundin. Der Mann hieß Henrik von Rensen.
Er war eins von Desirees Spielzeugen. Die verschwundene Frau war Klara Märstedt. Ich
bemerke, daß ich weine. Das einzige, was ich denken kann, ist seltsamerweise: Könnte sie
doch wieder zu mir nach Hause finden. Tief in mir höre ich einen Schrei. Ich war es, die
immer wieder geschrien hatte: »Mein Gott, gibt es nicht jemanden, der mir helfen kann.«
Dieser jemand war Magnus. Unter der Notiz liegen Klaras Tagebücher. Sie sind an mich
adressiert, ich weiß es. Mutter hat einen Zettel darauf gelegt mit dem Datum der Hefte: Herbst
1980 bis Sommer 1984. Ich glaube, das hier wird ein langer Sommer. Ich weiß nicht, wer ich
sein werde, wenn er vorüber ist. Das erschreckt mich. Mir bleibt noch jede Wahl, doch habe
ich das Gefühl, als hätte ich keine mehr. Nur diese: Klara, geliebte Klara, meine Schwester. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.