Ganz schön anmaßend von Robert Gernhardt, sich mit drei der größten auf ein und dieselbe Stufe zu stellen, so mein erster Gedanke. - Gernhardt nutzte die Geburtstage von Heinrich Heine (200. Geburtstag 1997), Bert Brecht (100. Geburtstag 1998) und Johann Wolfgang Goethe (250. Geburtstag 1999) zur dreigeeckten Parodie - "Ich weiß nicht, was soll das bedeuten / Dass ich so unschlüssig bin ..." -, die er "Klappaltar" nannte.
Wenn man Heine liebt, so wie ich, - meines Erachtens schrieb er die schönsten Gedichte, "schön" im Sinne von Schön, dem schönsten Wörtchen, das es für Schön gibt - dann kriegt man bei vorgenannter Loreley-Parodie, dem dritten Gernhardt-Gedicht im Heine-Zyklus des "Klappaltar", überschrieben mit "Zögern" jetzt schon die Wut. (Nicht zuletzt auch durch den hässlichen Reim gesagt-gemacht: "Der Heine scheint's nicht zu bringen, / Hat sich da der Schüler gesagt. / Das hat mit seinem Singen / der Studienrat Kraus gemacht." Gernhardt glaubt doch wohl nicht allen Ernstes, dass jemand beim Lesen des Gedichts spontan auch nur annähernd auf die Idee kommt "gesacht" zu sachen, äh, zu sagen.) - Andererseits: Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass Gernhard dem Heinrich Heine auch nur eine Seite des Klappaltars (und ein Klappaltar hat nur zwei) widmen würde, wenn er ihn nicht ebenfalls verehren würde. Halbe Ehrenrettung für Gernhardt.
Wie man ein Buch öffnet, so öffnet man einen Klappaltar, meist eine kleine Tischversion eines Altars, kann ihn überall hin mitnehmen, zum mobilen Beten - die Taschenbuchausgabe eines Altars sozusagen. Und so wie einen Klappaltar, so hat auch Robert Gernhardt sein Büchlein in entsprechende Kapitel aufgeteilt: I. Linker Flügel "Lied der Bücher oder Juni mit Heine" und III. Rechter Flügel "Würstchen im Schlafrock oder September mit Goethe". Und dabei hätte Gernhardt es bewendet sein lassen sollen. Doch was macht er? Er pflanzt noch ein II. Scharnier "O-Mei - Buch der Windungen" dazwischen - das Brecht-Kapitel.
Brecht passt meines Erachtens nicht nur nicht zu den beiden anderen, Heine und Goethe - Brecht passt auch nicht unbedingt auf oder in einen Altar.
"Über die Alpen nach Zürich" von Johann Wolfgang von Goethe: "Siehst du dieses Meer, versteinert, / Menschenfeindlich steiler Faltung / Sinnst du nach dem dunklen Sinne / Eisig dräuender Gestaltung. // Ahnst du, dass Gefahr auch uns droht, / Zu versteinern, zu erkalten, / Wenn wir nicht in festen Armen / Wärmend holde Busen halten." - Das ist natürlich nicht von Goethe. Das ist von Robert Gernhardt, so wie er meint, dass es von Goethe wäre, wenn es von Goethe wäre.
In seinem "Epilog in Frankfurt" rettet sich Robert Gernhardt schließlich dann doch noch selbst: "Vier Wochen lang habe ich wie Heine geschrieben: / Das wäre vielleicht besser unterblieben."