Daniel Barenboim ist ein argentinisch-israelischer Pianist und Dirigent russischer Abstammung. Von 1981 an wirkte er 18 Jahre als Dirigent der Bayreuther Festspiele, 2007 wurde er zum Friedensbotschafter der UNO ernannt.
Das große zentrale Thema in diesem, nicht nur für Musikfreunde kongenialen Buch, welches der Autor übrigens schon in früheren Veröffentlichungen behandelt hat, ist die Frage: Was können wir aus der Struktur Musik, was können wir aus dem Klang für unser Leben, für die Gesellschaft und darüber hinaus für historische Prozessen ableiten und lernen? Wenn der Daniel Barenboim dabei die ganze Beziehung zwischen Klang und Stille beleuchtet, kommt klar zum Ausdruck, dass man in der Musik immer wieder physische Phänomene beobachten kann, subjektive Empfindungen, die vom Klang der Musik ausgehen. Dabei ist das eindrucksvolle Faszinosum des Buches, das der Autor die Bedeutung des Klangs in der Musik mit Analogien aus verschiedenen anderen Bereichen des Lebens verknüpft. Was kann zum Beispiel eine Gesellschaft von der unterschiedlichen Art der Musik lernen? Wie im allgemeinen Leben funktioniert, keine Stimme ohne Gegenstimme, darin liegt auch die tragische Dimension der Musik, denn eine Hauptstimme kann nicht ohne Nebenstimme existieren. Jede Stimme hat ihre Bedeutung, jede Stimme muss mitwirken. Unsere Gesellschaft würde sicherlich besser funktionieren, wenn sie wie ein Orchester agieren würde, wo bekanntlich jeder Einzelne sowohl zuhören und sein Maximum geben muss, denn ohne Einhaltung dieser Maxime wäre sein Beitrag nicht ausreichend für ein gutes Kollektiv.
Wenn Daniel Barenboim in seinen Reflexionen beschreibt, was er persönlich von der Musik gelernt hat und was seiner Meinung nach der Leser von der Musik lernen kann, dann betont er besonders auch die Tatsache der "Charaktertugend" des Mutes. Nicht nur diesen Mut kann man in den Alltag mitnehmen, sondern die Musik gibt auch die Möglichkeit, die Welt zu vergessen oder die Welt besser zu verstehen. Beides liegt beim Zuhörer, nicht bei der Musik.
Eine weiterer Qualitätsanspruch, der dem Autor besonders wichtig ist wenn man die Musik als Charakterschulung betrachtet, ist die ständige Fähigkeit des Dialogs, das heißt,die Fertigkeit auf die andere Stimme hören zu können, die Qualifikation zuhören zu können. Der Klang existiert nicht allein, er hat immer eine Beziehung zur Stille. In diesem Sinnzusammenhang kann man auch die Dirigententätigkeit und Arbeit mit dem West-Eastern Divan Orchestra erwähnen, von dem in dem Buch auch die Rede ist.
Daniel Barenboim besitzt unter anderem die israelische und palästinensische Staatsangehörigkeit. Für seine Verdienste um die israelisch-palästinensische Aussöhnung wurde er im Jahre 2002 ausgezeichnet. Und so befindet sich in seinem Buch am Schluß auch eine recht gewagte, eigensinnige Phantasmagorie, wie eine mögliche Verständigungsprozess zwischen Israel und Palästina geschmiedet werden könnte, nämlich nach dem Modell einer "Bachschen Fuge", das heißt, man muss beide Seiten sehen, dabei muss die Logik schließlich entscheiden, was man ändern kann und was man nicht ändern kann. Es gibt sicherlich keine Lösung, die beide Seiten gleich glücklich macht. Sein stimmungsvolles Resümee lautet, es muss eine Lösung gefunden werden, die für Alle "gut" ist.
Final recherchiert der Autor auch die Frage, wie es sein konnte, dass "historische Großverbrecher" häufig einen wie auch immer ausgeprägten Zugang zur Musik haben?
Ein in vieler Hinsicht beeindruckendes Buch, mit einer Vielzahl von Reflexionsebenen, die die Assoziationen aufzeigen, die von dem die Musik umgebenen Freiraum ausgehen.