Gut ein Jahr nach Erscheinen des Albums "Rüm Hart" folgt nun das Live-Album zur Tournee, "Klaar Kiming". Somit wäre die Brücke gebaut und der Spruch komplett -"Rüm Hart klaar Kiming", der friesische Leitspruch auf Söl'ring: Großes Herz, freier Horizont! Gut ein Monat vor Erscheinen dieses Konzertmitschnitts schwelge ich wieder in schönen Gedanken und Erinnerungen an das miterlebte Konzert im September 2002. Grund genug, meine Vorfreude auf das Live-Album mit einer nachgeholten Konzertkritik Ausdruck zu verleihen. Und wie sich bisher gezeigt hat, waren die Live-Alben von Reinhard Mey immer ein besonderer Genuss, weil sie die Stimmung des mitgeschnittenen Konzerts immer eindrucksvoll wiedergegeben haben. So auch das letzte Live-Album von Mey, "Solo" aus dem Jahr 2001. Doch zurück ins Jahr 2002/03!
Würde man mich bitten, eine Überschrift für den unvergesslichen Abend mit Reinhard Mey zu finden, würde sich das als recht schwierige Aufgabe erweisen. Wie soll man einen so aufregenden, einen umhauenden, zu Lachkrämpfen wie Tränen bringenden Abend in wenige Worte fassen? Nach langem, schweren Grübeln, liegt die Antwort doch ganz nahe: Klaar Kiming! Recht genau um 20 Uhr wurde das Licht im Konzertsaal in Celle herabgefahren und schon sprang er auch auf die Bühne, der kleine große Mey. Der leicht ergraute und doch vor Energie nur so sprühende Reinhard Mey füllt bei tosendem Beifall die zunächst fast einsame Bühne mit der lediglich beleuchteten Gitarre mit einem strahlenden Lächeln. Nur er und die Gitarre, das hat fast Tradition. Als er zur Gitarre springt und die ersten Töne vom "Narrenschiff" erklingen, spürt man, wie schnell er sein Lampenfieber von Bord wirft. Auf allen Konzerten sah man deutlich, dass jeder Abend restlos ausverkauft war. In Bikerboots, ganz in schwarz mit dem typischen Tournee- und "Rüm-Hart"-T-Shirt pfeifte er los, obwohl er meinte "Ich kann gar nicht pfeifen". Lachen im Saal! Bei manchen Liedern (z.B. "Dessous-Abteilung" mit überraschendem, lustigen Einfall) musste der ganze Saal so laut lachen, dass auch Mey seine Lachmuskeln nicht mehr halten konnte und er schließlich in den falschen Takt verfiel. Als er "Die Blitzlichter machen uns zu Idioten" anstimmte und tatsächlich ein Blitzlicht aus dem Zuschauerraum ihn einfing, warf Mey dem "Übeltäter" einen augenzwinkernden Blick zu. Eine einmalige Gestik und Mimik behielt Reinhard Mey den ganzen Abend über bei, auch bei den ernsten und zum Teil auch traurigen Liedern ("Weißt du noch Etienne...?"). Besonders hervorzuheben sind natürlich die kleinen Geschichten, die der Liedermacher zu vielen seiner neuen Lieder zu erzählen weiß. Wer genau hinhört und das Studio-Album oft genossen hat, wird immer wieder neue Wortspiele in seinen Liedern entdecken können.
Schade mag für den einen oder anderen Freund der Musik von Reinhard Mey sein, dass sich kaum noch alte Lieder auf dem Live-Album wiederfinden. So wurde das oft auf der Tournee gesungene "Die Zeit des Gauklers ist vorbei" (1974) durch "Viertel vor Sieben" (1998) ersetzt, welches man bereits auf den letzten beiden Livealben hören konnte. Ähnlich verhält es sich mit dem Lied "Ich liebe dich" (1993). Dennoch werden sicher auch die zwei Stunden CD wie im Fluge vergehen. Ein sympathischer, kleiner Junge, der doch schon 60 geworden ist -mit fast ausschließlich aktuellen Liedern und Texten. Klaar Kiming! Zu toppen wäre nur noch ein DVD-Live-Album, was vermutlich in Planung ist.