Musik, vor allem Jazz, taugt zu viel mehr, als bei Festivitäten, auf der Autobahnraststätte oder im Büropausenraum Geräuschkulisse in optimaler Verdauungslautstärke zu sein.
Wer dabei an gespannt-konzertante Atmosphäre denkt, respektvolle Aufmerksamkeit dem bühnenerklimmenden Künstler gegenüber, dessen Auftritt, mit achtungserringenden Weihen behangen, zur sorgfältigen Auswahl der Konzertgarderobe mahnt, wird erstaunt sein, daß es da noch eine dritte Möglichkeit gibt:
Jazz taugt zum Philosophieren. Jazz ist Lebensmittel, mit dem liebevoll und verantwortungsbewußt umgegangen sein will. Warum mit dieser Erkenntnis ausgestattet also nicht den kürzesten Weg nehmen und ihn mit Essenszubereitung gleichsetzen. Jazzmusiker als Leute sehen, die in einer Küche arbeiten. Einer besonderen Küche natürlich.
Wer Thomas Siffling persönlich kennt oder/und ihn schon als Musiker oder Conferencier erlebt hat, wird bemerken, daß diese Art des Konkreten, die das Konzept der aktuellen CD ausstrahlt, perfekt auf seine Person paßt: voll lebendiger Aktionslust, zielgerichtet, doch nicht normiert, immer dem Zufall als Ideengeber verbunden, stark am Sinnlichen orientiert.
Das Zubereiten von Speisen als eine Tätigkeit, die jeder aus dem eigenen Leben kennt, ist bei genauerem Hinsehen in idealer Weise dazu geeignet, von einem gut eingespielten Trio thematisch vereinnahmt zu werden. Nicht nur, das hier Melodien entspannt wie aus dem Zusammenfluß der (Geschmacks)Persönlichkeiten fließen, sie werden von den Küchenchefs genauso à la minute entwickelt wie das allbekannte, spannende Spiel: Appetit- mal sehen, was da alles in Kühlschrank und Vorratskammer vorhanden ist. Aus dem man was Leckeres zaubern könnte.
Also wird gerührt, Tuben werden gedrückt, Garzeiten voreingestellt, Teig geknetet, Gewürzmethoden variiert. IMPROVISIERT. Und da ist es, das Zauberwort, das die Verbindung beider doch so entfernt scheinender Welten birgt.
Durch diesen "Küchentrick" erlaubt es sich Siffling, aus dem sonst stark in Choreografie und Outfit überwachten Wirkungskreis des modernen Jazz flugs durch die Tür mit Aufschrift "nur für Personal" zu schlüpfen und dahinter einfach loszulegen. Es gibt ja schließlich was tun. Die unendlich grandiose weitklingende Welt wartet nur darauf. Und: allein der Gaumen entscheidet über Wohl und Wehe. Wie es sich gehört für Essen.
Fazit: eine CD wie ein freundlich-irdischer Appell, den eigenen Sinne (wieder) zu vertrauen. Und sich damit (wieder) dem wahren Wesen und der Lebensnähe der Musik called Jazz zu öffnen.