Neue Zürcher Zeitung
Die japanische Erzählerin
Banana Yoshimoto
Banana Yoshimotos Geschichten sind bunt und voller Seltsamkeiten. «Kitchen» und «Tsugumi», die zu den meistverkauften Büchern der vergangenen Jahre in Japan gehören, kreisen in sanft schrägem, doch tröstlichem Ton um die Themen Liebe, Tod und Einsamkeit. Sie bewegen sich in einer Welt, in der «Kentucky Fried Chicken» und der ständig laufende Fernseher ebenso ihren Platz haben wie Überbleibsel japanischer Traditionen. Sie sind aus Neon- und Pastellfarben gemischt, aus Elementen eines lyrischen und eines comichaften Stils. Plakative Offenheit und die Kunst des Verhüllens und Weglassens gehen eine Verbindung ein. Manchmal wird eine herzhafte Naivität und Direktheit in umgangssprachlichen Formulierungen zur Schau getragen. Doch die Schlichtheit ist trügerisch, wer sich gerade in der Ruhe scheinbar eindeutiger Beschreibungen und gesicherter Erkenntnisse wiegt, dem wird im nächsten Moment der Boden unter den Füssen weggezogen.
«Kitchen», das beste von ihnen, ist die Liebeserklärung einer jungen Frau an einen scheinbar banalen und unpoetischen Platz: die Küche. Sie wird gefeiert als Ort, an dem Kunst und Leben, die Kochkunst und das Essen, zusammenkommen, als Stätte häuslicher Geborgenheit und alchimistischer Prozesse, der faszinierenden Werkzeuge und der kreativen Arbeit. Sie erscheint als Lebenskraft spendender Gegenpol zu dem die Erzählerin vielfach umgebenden Tod: Hier kommt die Welt, und sei es für eine Weile nur, wieder in Ordnung.
Zu Beginn ist die heile Küchenwelt alles andere als intakt. Mikage, Vollwaise, hat die Grossmutter, ihre letzte Angehörige, verloren. Wie alle Hauptfiguren in «Kitchen» und «Tsugumi» erlebt auch sie einen bitteren Abschied von der Kindheit: «Zum erstenmal in meinem Leben machte ich mit meinen eigenen Händen und Augen die Erfahrung, wie gross die Welt und wie tief ihre Dunkelheit ist, erlebte ich, von welch unendlicher Faszination, aber auch grenzenloser Einsamkeit sie ist.» Als plötzlich ein junger, ganz flüchtiger Bekannter vor der Tür steht und Mikage im Namen seiner Mutter einlädt, mit ihm und ihr zusammenzuleben, ist das unerwartet, fast unwirklich. Doch gerade der spielerisch anmutende Umgang mit der Glaubwürdigkeit ist typisch für Banana Yoshimotos Erzählweise. Sie schafft leichtes Befremden, sät leisen Zweifel. Die Art ihres Erzählens entspricht zugleich ihren Themen. Liebe und Tod: Sie enthält etwas von der verstörenden Macht, dem Aufreissen der alltäglichen Wirklichkeit, die diesen Erfahrungen innewohnt.
Mikages neue Wohnstätte ist anders als alle Wohnungen, die sie kennt. Die Pflanzen wuchern üppiger als woanders, das grotesk grosse Sofa steht an einer Stelle, wo niemand sonst ein Möbel hinstellen würde. Auch die Mutter des jungen Bekannten, Eriko, umgibt etwas leicht Phantastisches. Zunächst wird sie als charismatische Schönheit beschrieben; dann entdeckt die Erzählerin kleine Zeichen der äusseren Unvollkommenheit; schliesslich stellt sich heraus, dass sie einmal ein Mann war. Nichts ist, was es scheint; doch wird auch nicht jedes Geheimnis gelüftet. Beiläufig wird bemerkt, Eriko habe nach dem Tod seiner Frau eine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen. Die Erklärung ist weit entfernt von der naheliegenden Annahme sexueller Selbstverwirklichung. Vielmehr wird ein märchenhaft tragisches Motiv suggeriert: Eriko schlüpft mit den Kleidern in die Rolle seiner verstorbenen Frau.
In «Tsugumi» ist der Tod zwar als Bedrohung allgegenwärtig, aber er manifestiert sich nicht. Tsugumi ist der Name eines Mädchens, dem die Ärzte von Anfang an kein langes Leben prophezeit haben. Ihre schwächliche Gesundheit kompensiert sie mit eisernem Willen, Frechheit und Nervensägertum. Sie ist von engelhafter Hübschheit, aber verwöhnt und die panisch aufgereizte Dreistigkeit in Person. Tsugumi lebt mit dem Tod, nimmt sich deshalb heraus, was sie will, und duldet keinen Einspruch.
«Tsugumi» ist geradliniger und konventioneller erzählt als «Kitchen», das Spiel mit der Illusion ist zwar als Thema noch vorhanden, aber der Text selbst enthält es nicht mehr: Banana Yoshimoto legt hier ihre Karten auf den Tisch. «Tsugumi» ist vorwiegend in einem kleinen Küstenstädtchen angesiedelt, bespiegelt Menschen und die Natur und erscheint fast zeitlos. Die Grossstadtgeschichte «Kitchen» hingegen verweilt mit Hingabe auf Gegenständen und Alltagsdetails; sie wirkt zeitgenössisch. Die Konzentration auf die nervös energetische Hauptfigur verleiht der Geschichte grössere Geschlossenheit, es fehlt die Traumschwere der Débuterzählungen. Wiederum erleben eine Ich-Erzählerin und Tsugumi den Übergang zum Erwachsenenleben, dieses Mal aber in leichter konsumierbaren kleinen Episoden. «Tsugumi» ist eine hübsche, sentimentale, bittersüsse Geschichte, und es nimmt nicht wunder, dass sie 1989, bei ihrem Erscheinen in Japan, ein «Yoshimoto»-Fieber auslöste. Überhaupt gilt die 32jährige Autorin mit dem selbsterfundenen Namen in ihrer Heimat als Phänomen: sieben Bücher in kaum mehr als zwei Jahren, über sechs Millionen verkaufte Exemplare, zwei Verfilmungen, Preise und Anerkennungen.
Marion Löhndorf
Pressestimmen
"Welches Publikum könnte der positiven Kraft dieser Japanerin widerstehen, die gerade 24 Jahre alt war, als sie ihren Erstling "Kitchen" herausbrachte. Ein bisschen literarische Lebenskraft tut wohl in einer Zeit, in der alle gesellschaftlichen Perspektiven abhanden gekommen sind. Kitchen ist eine frische Erzählung, die einen zusehends in ihre Wärme zieht." (Tages-Anzeiger)
"Um Formen der Trauer geht es in Kitchen und um das mühsame Erwachsenwerden einer Jugend zwischen Lifestyle und Tradition." (Süddeutsche Zeitung)
Kurzbeschreibung
carpe.com
In Moonlight Shadow geht es ebenfalls um den Tod. Hitoshi und Yomiko sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen; nur Hiiragi, Hitoshis Bruder und Yomikos Freund, blieb am Leben. Beiden, Hitoshis Freundin Satsuki wie auch Hiiragi, gelingt es nicht, sich aus der Vergangenheit, dem plötzlichen Tod, zu lösen. Während Hiiragi die Schuluniform seiner Freundin trägt, hat Satsuki zu laufen begonnen. Dabei begegnet ihr eines Tages eine eigenartige Frau, die sie bittet, an einem ganz bestimmten Morgen wieder an der Brücke zu sein -- es würde etwas geschehen, das man nur alle hundert Jahre erleben könne.
Die Geschichten sind relativ kurz und auch sprachlich recht knapp gehalten. Aber gerade dadurch werden sie so eindringlich; zu sehen, wie Menschen mit einem so großen Schmerz umzugehen lernen, ist schmerzhaft und anrührend, ohne dabei jemals sentimental zu werden. Ein sehr anrührendes Buch, das einen besonderen Platz in meinem Bücherregal verdient hat. --Daniela Ecker