Robert Palmer tat es bereits 1992 mit seinem Album "Ridin' high", Bryan Ferry folgte ihm 1999 mit "As time goes by" und Rod Stewart kann gar nicht genug davon bekommen und hat inzwischen ganze fünf Alben seiner "American Songbook" Reihe veröffentlicht und als Ende 2010 Cliff Richard als erster der genannten das 70. Lebensjahr vollendete, packte auch ihn die Lust auf swingend leichten Popular-Jazz. Nachzuhören auf seinem Album "Bold as brass". Und nicht zu vergessen, wenn auch eine andere Musiker-Generation, Robbie Williams und sein "Swing when your winnig" Album vor gut zehn Jahren...
Die Idee also, als Pop/Rock-Matador, einmal das gewohnte musikalische Terrain zu verlassen und sich in jazzigen Sphären zu tummeln, ist weder neu, noch orginell, aber (und das sollte man anerkennen) auch nicht ein vorhersehbarer Erfolg. Die Reaktionen der Fans und allgemeinen Hörerschaft auf die Genre-Ausflüge der oben genannten, waren meist sehr kontrovers. Von überschäumendem Jubel bis zu entsetzter Ablehnung und zu dauerhafter Abkehr, war so ziemlich alles dabei, was Fan-Herzen an Emotionen zu erzeugen im Stande sind. So kann man Paul McCartney keines Falles vorwerfen, er würde sich mit "Kisses on the bottom" zu seinem anstehenden 70. mit einem garantierten Erfolg selbst beschenken.
Was schon beim ersten Lied angenehm auffällt und sich tatsächlich über das gesamte Album bestätigt, ist, daß McCartney den Weg zum Jazz so konsequent zuende gegangen ist, wie keiner der Kollegen. Unter Mithilfe von Diana Krall und ihrer Band enstand ein Album, was konsequent Jazz-Arrangements vorweist und keinen Spagat zum Easy Listening versucht. Das wäre zwar legitim - kein geringerer als Frank Sinatra bewegte sich zeitlebens meisterhaft zwischen beiden Polen hin und her, war er mit einem Album näher am Jazz, war er mit dem nächsten wieder bei leichterer Unterhaltung getarnt im swingenden Jazz-Klangbild, und beides war zweifelos wunderbar - aber "Kisses on the bottom" ist ein amtliches Jazz-Album geworden. Ein brillantes!
Einzelne Songs herauszuheben, scheint mir unnötig. Das Album fällt nicht ab, so man diesen Stil mag, erweist sich kein Lied als Fehlgriff. Eines ragt allerdings etwas für mich heraus. Zwischen all die Klassiker hat McCartney zwei eigene Kompositionen gemogelt. Eine, die Single des Albums, "My Valentine" gehört zu den chancenreichen Anwärtern auf den Titel "Schönste Balladen die Paul McCartney je geschrieben". Ein Song für die Ewigkeit!
Das Album wird diskutiert werden, nicht alle werden es mögen. Wer keinen Zugang zu und Gefallen an Jazz hat, sollte es ausklammern (es aber auch nicht als Mist abtun!). Alle anderen haben gute Chancen es von Herzen zu lieben.