Wenn das Buch endlich draußen ist, kann ich es kaum abwarten, es aufzuschlagen und zu lesen. Mich interessiert immer die gleiche Frage, wie sich Geschichten aus interessanten, oft unerwarteten Perspektiven darstellen. Das interessiert mich jedes Jahr wieder, weil ich oft nach der Lektüre politische, soziale oder kulturelle Sachverhalte ganz anders gesehen habe.
Der 2002-Band war eine Ausnahme: Ich lass im Stern die Geschichte "Die Rebellen von Schloss Salem" und dachte, der Autor Jan Christoph Wiechmann kann dafür nur den Preis gewinnen. Ich lese sehr viel Reportagen und diese, da war ich mir sicher, war das interessanteste und außergewöhnlichste, was ich bis dato zu einem merkwürdigen Thema gelesen hatte.
Es ist eine Geschichte über Deutschland und diejenigen, die normalerweise die Führungsschicht von Morgen darstellen. Die Elite, die im Internat Salem am Bodensee, für die Zukunft an der Spitze der deutschen Gesellschaft paukt. In dieser Bildungseinrichtung ist man rechts, liberal, vielleicht auch hart, aber nicht rechtsradikal. Dennoch handelt die Geschichte "von Überfremdungsängsten und Tabubrüchen und vom Clash der Generationen."(Die Rebellen von Schloss Salem, S.309)
Der Autor fragt sich "Darf man wieder stolz sein, Deutscher zu sein." Diese Geschichte geht spannend weiter und durch den Wandel der Perspektive merkt der Leser, dass sich Deutschland ändert und vielleicht stärker als viele Jahre zuvor - zumindest im Westen. Hier kommt etwas Neues - man muss es nicht unbedingt mögen, aber eine Generation wird von einer anderen abgelöst. Dabei kommt eine links-liberale Einstellung wohl ins Hintertreffen. Vielleicht auch nicht, aber ein Trend ist nicht zu übersehen.
Nun hat Jan Christoph Wiechmann den Kisch-Preis nicht gewonnen, sondern den dritten Preis belegt. Mir kommt dieses Ranking etwas sonderbar daher, aber das Buch besteht insgesamt aus interessante Reportagen, so dass eine eins oder eine zwei vor einer Geschichte dem Leser nicht die Lektüre trübt.
Mir gefiel auch die Geschichte von Ulrich Fichtner über den Tod eines italienischen Demonstranten während des G7-Gipfels in Genua außerordentlich gut. Warum stirbt ein junger Demonstrant bei einem Gipfel? Warum schießt ein junger Polizist?
Mir gefiellen außerdem die zwei Geschichten, die sich mit der baskischen ETA befassen. Weil es sehr schwer ist, in einem anderen Land über eine Bewegung zu recherchieren, die durch ihre Gewalt ohnehin vorverurteilt zu sein scheint.
Jeder der Reportagen liebt, sollte dieses Buch lesen und vielleicht in seinem Regal stellen. Es ist sicherlich die aktuellste und vielleicht beste Sammlung deutschsprachiger Geschichten. Ein Wehrmutstropfen ist der Aufbau des Buches, denn die Preisträger stehen nur auf dem Lesezeichen und eine Begründung für diese Vergabe findet der Leser auch nicht, außer dass es eine Liste mit Juroren gibt. Aber im Sinne Egon Erwin Kischs kann der Leser selber entscheiden, wem er den Preis geben würde. Ich hätte wohl eine andere Wahl getroffen, was mich nicht davor abhalten wird, dieses Jahr im Spätsommer nach dem neusten Buch Ausschau zu halten.