Gerade mal 42 Jahre alt ist Ofra Haza geworden, als sie im Jahr 2000 viel zu früh starb. Was bleibt ist ihre Musik. Und damit diese einzigartige Stimme: glasklar und warm, von derart voluminöser und weicher Substanz, dass Ofra durchaus als rezeptfreies Beruhigungsmittel durchgehen könnte. Ganz ohne Nebenwirkungen!
Dabei ist sie außerdem noch geradezu schlafwandlerisch musikalisch und facettenreich. Jeder Ton sitzt. Schief singen kann sie gar nicht. Innerhalb weniger Takte steigert sie sich von ganz sanft und leise auf ganz kräftig und laut, ohne dabei jemals schrill oder gezwungen rüber zu kommen.
Das mehrfach ausgezeichnete Album "Kirya" lässt all diesen Qualitäten und Fähigkeiten reichlich Raum. In guter alter Orient-Tradition geht es dabei recht wehmütig zu. Bei einigen Stücken werden die melancholischen Nahostklänge noch durch traurige Texte verstärkt, z.B. wenn der Regen besungen wird, welcher die (Nazi-)Züge ohne Wiederkehr rein waschen soll aber es halt niemals schaffen kann, oder wenn Iggy Pop (!!!), der einen Gastauftritt beim Lied "Daw da Hiya" hat, zornig spricht: "Tradition!" und somit gegen traditionelle Frauenunterdrückung wettert.
An manchen Stellen wird das Album regelrecht meditativ, z.B. gleich beim ersten Stück "Kirya" (Kirya = hebräischer Kosename für Jerusalem) oder beim vor sich hin nebelnden "Mystery, fate and love" sowie beim leicht angejazzten "Barefoot". Temperamentvollere Klänge bieten "Horashoot - the bridge" oder die dominanten Trommelschläge des großartigen "Dont forsake me". Den Abschluss bildet der fröhliche Hochzeitstanz "Take 7/8" - bezeichnenderweise im 7/8-Takt.
Mein persönlicher Favorit bleibt jedoch das zweite Stück des Albums "Innocent", welches zunächst mal irritierend schräg startet, dann aber in einem melodischen, wiegenden Rhythmus mündet.
>>> Dringender Anspieltipp!
Allerdings muss man schon ein echtes Faible für orientalische Musik haben. Ofra singt eben nicht nach westlicher Manier ein paar sauber von einander getrennte Noten, sondern schafft akustisch auf und ab tanzende Schlangenlinien. Wer das nicht mag wird Ofras Gesang als Gejaule empfinden (müssen). Selbst Liebhabern des Morgenlands wird sich dieses Album nicht unbedingt sofort erschließt. Wenigstens ging mir so als Ersthörer Mitte der 90-er Jahre. Doch hat man sich erst mal in den Bann dieses Meisterwerks ziehen lassen, so lässt dieser auch ein Jahrzehnt später nicht in seiner Wirkung nach. Kirya ist und bleibt das würdige Vermächtnis einer unvergessenen Sängerin.