So, wie die japanische Sakura keine essbaren Früchte trägt und nur wenige Tage im Jahr blüht, bietet das Leben oft nur eine kurze Zeit des Glücks - und es gibt wenig von Wert, was man hinterlässt. Daher feiern die Japaner den Frühlingsbeginn mit dem Hanami (jap. "Blüten betrachten") als Symbol des Lebens und der Freude am Leben, aber auch wegen der Vergänglichkeit des Schönen.
Mit einem Elmar Wepper (61), der immer besser zu werden scheint, und der großartigen und völlig uneitlen Hannelore Elsner (65) fand Doris Dörrie 2008 die ideale Besetzung für ihre Parabel von der Schönheit und Vergänglichkeit der menschlichen Existenz.
Rudi und Trudi Angermeier leben zufrieden ihr geregeltes Leben. Doch während er es am meisten schätzt, wenn jeder Handgriff Tag für Tag gleich abläuft, findet sie sich im Ankoku Butoh (dt. "Tanz der Finsternis") wieder, einem gleichermaßen grotesken wie zarten Ausdruckstanz in Wiederaufnahme alter Traditionen. Ihr Traum wäre eine Reise nach Japan, wo ihr Sohn lebt. Den Fuji bestaunen - aber für Rudi ist der Fuji ein Berg wie jeder andere.
Aus der scheinbaren Endlosigkeit der Zukunft kann schlagartig panikartige Bedrückung erwachsen, wenn die Ärzte verkünden, dass die Tage gezählt sind. Trudi beschließt, ihrem Gatten die tödliche Diagnose zu verschweigen. Doch sie setzt durch, endlich mal die Kinder in Berlin zu besuchen. Als die Beiden feststellen müssen, dass die Kinder ihr eigenes Leben leben und alle Leitungen gerissen sind, besuchen sie noch einmal die Ostsee. Doch schneller als erwartet wird ihnen das Heft der Handelns aus der Hand gerissen...
Niemand kann wissen, was morgen kommt. Der Schmerz der Trennung, die Angst vor dem Alleinsein, das Ende der Normalität, die Einsamkeit des Individuums, der Verlust des einzigen Menschen, mit dem man sich verstanden hat, die Entfremdung der Kinder, die Erwartung des eigenen Endes - das sind Themen, die jeden betreffen, Situationen, die auf jeden zukommen.
Nicht alleine gehen zu müssen, an einem symbolkräftigen Ort, der verbindet und abschließt, bietet der feinfühlige Film von Doris Dörrie als besondere Gnade des Schicksals an.
Neben der eindrucksvollen schauspielerischen Leistung der beiden Alten, aber auch der jungen Aya Irizuki, tragen vor allem auch die umwerfenden Bilder, die Hanno Lentz unter inspirierter Nutzung der erweiterten Möglichkeiten der HDTV-Kamera (Sony HDW-750, 1080p, 1.85:1) eingefangen hat, zu einem ganz besonderen Erlebnis bei - einige Ostsee-Szenen und vor allem die Eindrücke aus Tokio und vom Fuji sind atemberaubend. Mit der kleinen Sony HVR-Z1 wurden "intime" Aufnahmen möglich, z.B. in Restaurants oder in Fußgängerzonen.
Die BD bzw. Editionen mit Bonus-DVD bieten ein sehenswertes "Making Of", die Pressekonferenz der Berlinale, Butoh-Tanzszenen, die Verleihung des Deutschen Filmpreises, Trailer, entfallene Szenen, Interviews mit der Regisseurin, den Produzenten und den Darstellern und eine Fotosammlung.
Kein Film fürs große Publikum - aber für unvoreingenommene, gelassene (Original-Länge 127 Minuten) und aufnahmefähige Filmfreunde ein außerordentlicher Genuss.
jury 5* A0378 12.8.2011e 9 A