...sagt Rudi Angermeier(Elmar Wepper) zu seinem Sohn Karl. Das sollte sich nicht als der einzige Irrtum in Rudis Leben herausstellen. Das merkt der bayrische Beamte allerdings erst, als es zu spät ist. Rudi wollte, dass einfach alles so weitergeht, wie es ist. Aber auch hier macht ihm das Leben einen Strich durch die Rechnung. Rudi ist ein Grantler, ein Beamter im Amt, der nach außen hin einfach und eingeschränkt wird. Sein Tag läuft im Gleichmass ab. Die Fahrt zur Arbeit, die Fahrt nach Hause, das Essen mit seiner Gattin Trudi(Hannelore Elsner). Der Apfel, den Trudi ihm mitgibt und Rudis Spruch dazu: "One apple a day, keeps the doctor away." Das ist Rudis Irrtum Nr.3. Denn er ist schwer krank, hat nicht mehr lange zu leben. Das weiß allerdings nur Trudi. Sie will ihren Mann mit dieser Nachricht nicht belasten und plant daher, ihre drei Kinder noch einmal zu besuchen. So macht sich das schrullige Paar auf den Weg nach Berlin. Dort leben zwei ihrer Kinder. Der andere Sohn, Karl, lebt in Tokio. Trudi, die sich für japanischen Budotanz interessiert, wollte schon immer nach Japan, aber mit Rudi scheint das nicht zu gehen.
So landen die beiden in Berlin und merken ziemlich schnell, dass sie ihren Kindern eine große Freude machen würden, wenn sie wieder nach Hause fahren würden. Lediglich Franzi(Nadja Uhl) eine Freundin der Tochter, interessiert sich für das bayrische Paar. Von Berlin geht es an die Ostsee. Rudi stellt auch hier fest: "Das Meer ist auch nicht mehr das, was es mal war", und sagt zu Trudi: "Lass uns wieder nach Hause fahren." Dazu kommt es jedoch nicht mehr. In der letzten Nacht an der See stirbt Trudi. Der kantige, einfache Rudi wird von ihrem plötzlichen Tod regelrecht erschlagen. Wieder zu Hause muss er feststellen, dass nicht einmal alle Kinder zur Beerdigung Trudis kommen. Da fasst Rudi einen Plan. Wenn er seiner Frau schon zu Lebzeiten die Japanreise nicht ermöglicht hat, dann soll es jetzt soweit sein. Er packt Trudis Sachen, die sie kurz vor ihrem Tod trug und besteigt den Flieger nach Tokio. Dort landet Rudi in einer anderen Welt. Einzig vertraut ist ihm die Abneigung des eigenen Sohnes, der ihn am liebsten so schnell wie möglich wieder zu Hause sehen möchte. Aber mit Rudi ist eine Wandlung vorgegangen. Während der Sohn arbeitet, zieht sich Rudi Trudis Sachen unter seinem Mantel an und zeigt ihnen die Stadt. Dabei lernt er die junge Budotänzerin Ju kennen. Sie erklärt ihm das Geheimnis der Kirschblüte. Sie ist plötzlich da, wunderschön und einzigartig, hält nur ein paar Tage an und verschwindet wieder, als wäre sie nie da gewesen. Rudi fasst eine unglaubliche Zutraulichkeit zu Ju. Als er merkt, dass sie wie eine Obdachlose lebt, will er helfen. Aber Rudis Zeit läuft ab. Zusammen mit Ju macht er sich auf den Weg zum Fudjijama, das war immer Trudis Traum gewesen. Am Fuß des schneebedeckten Gipfels findet Rudi den Weg zur großen Liebe seines Lebens wieder.
Was soll man dazu sagen? Ein deutscher Film mit so viel Tiefgang wie ein voll beladener Ozeandampfer. Eine Regisseurin Doris Dörrie, die hier nicht den Bewegten Mann, sondern ein bewegendes Drama abliefert, das uns emotional in den Grundfesten erschüttert. Eine Geschichte, so einfach klar und tausendfach im richtigen Leben vorhanden ist, dass man sie oft übersieht. Eingefangen in Bildern, die keine Wünsche offen lassen. Unterlegt mit Musik und Szenen von Traumsequenzen, die man so schnell nicht wieder vergisst. Hannelore Elsner spielt die Trudi so lebensecht und liebevoll, das es fast schon weh tut. Nadja Uhl holt aus ihrer Nebenrolle eine Menge heraus und wie Aya Irizuki die Tänzerin Ju auf die Leinwand zaubert, das ist sehenswert und unglaublich bewegend. Über allem aber steht Elmar Wepper in seiner ersten großen Kinoproduktion. Ich weiß nicht, wie das Casting für Kirschblüten abgelaufen ist. Wer jedoch auf die Idee kam, den Fernsehschauspieler und Theatermimen Elmar Wepper an diese große Charakterrolle heran zu lassen, der sollte demnächst vielleicht für die Seligsprechung oder zumindest einen Landesorden vorgeschlagen werden. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, das Wepper einen derart schwierigen, ernsthaften und ambivalenten Charakter so ausfüllen kann. Und nicht nur das: Wepper überstrahlt in seinem Spiel die gesamte Produktion mit allem Drum und Dran. Er ist die treibende Kraft der Erzählung, der Mittelpunkt des Dramas und der Quell der winzig kleinen Hoffnung. Wenn er in Tokio durch die Stadtviertel irrt, vor einem blühenden Kirschbaum seinen Mantel öffnet und wir erkennen, dass er Trudis Kleider trägt, dann merken wir, wie uns sein Spiel die Tränen in die Augen treibt. Wenn er dann noch mit brüchiger Stimme sagt: "Das ist alles für dich, Trudi" gibt es kein Halten mehr. Das ist ganz großes Kino im Endstadium!
Ich war schon immer der Meinung, dass der Deutsche Film lebt. Kirschblüten bestätigt das auf eine eindrucksvolle Art und Weise. Wer der Wirklichkeit entfliehen will, indem er Wepper und Elsner gerade diese Wirklichkeit 122 Minuten lang darstellen lässt, der ist bei Kirschblüten richtig. Wer noch träumen kann und will, nicht alles im Leben verteufelt, sich aber den realen Ängsten und Sorgen stellen kann, der wird diesen Film lieben. Vielleicht nimmt man auch ein Stück des Films mit in seinen Alltag. Das muss nicht die Reise nach Tokio sein, oder der Tanz vor dem Fudji; vielleicht reicht schon Rudis Ausspruch: "Wir haben ja uns", um zu verstehen, worum es im Leben eigentlich geht.