Ein französischer Zeichentrickfilm von einem in Guinea aufgewachsenen Autor und Regisseur - da darf man mit Fug und Recht mal etwas anderes erwarten als von Disney. Doch das, was einem Michel Ocelot 1998 mit "Kiriku und die Zauberin" zeigte, öffnet einem geradezu die Augen. So kann Trickfilm also sein! Magisch, faszinierend, spannend, künstlerisch anspruchs- und pädagogisch wertvoll.
Kiriku ist ein unglaublich kleines, aber wahrhaft ausgeschlafenes Baby, das schon sprechend aus dem Mutterleib kommt, die richtigen Fragen stellt und schließlich alleine in das große Abenteuer zieht, sein Dorf vor den Anfeindungen einer bösen Zauberin zu retten.
Die zurückhaltend animierten Figuren in ihrer natürlichen, afrikanischen Umgebung sind mit allem ausgestattet, was ein menschlicher Körper nun mal so an sich hat - selbstredend auch der kleine Kiriku. Mit der Vermenschlichung der Tiere hat es der Film dagegen eher weniger. Dafür zeigt Ocelot dezent, aber durchaus explizit, Bezüge auf reale Ebenen westlicher Gesellschaften auf. Da gibt es Überwachung, bewaffnete Unterdrückung, Desinformation, Geheimwissen und Menschen als Handlanger anonymer Systeme - aber in einer kindgerecht und märchenhaft-verspielt aufbereiteten Vordergrundgeschichte.
Ocelot ist also gleichzeitig politisch engagierter wie auch praktisch weniger brutal als amerikanische Produktionen. Männer, Frauen und Kinder gehen unbefangen miteinander um, sehen nicht aus wie Barbies und strahlen dennoch eine natürliche Erotik aus.
Völlig aus dem Rahmen - auf positive Art! - fällt die richtungweisende Auflösung des Abenteuers, die durch ihren Vorbildcharakter und den Unterschied zum Gewohnten deutlich macht, wie sehr aktuelle Gesellschaftsprobleme auch das wiederspiegeln, was man so von klein auf vorgesetzt bekommen hat.
Dem Magier Michel Ocelot ist also wirklich etwas ganz Besonderes gelungen - ein Werk, das Zuschauer jeden Alters ansprechen und faszinieren sollte. So ist es auch nicht verwunderlich, dass dieser Film ein Dutzend Preise abgesahnt hat, darunter bezeichnenderweise sowohl Preise für Kinder- als auch für Erwachsenenfilme.
Kleine Schönheitsfehler sind Schwächen in Sachen Bildruhe und Rauschen. Dafür begeistern die bei Zeichentrick doch ungewohnten künstlerischen Qualitäten sowohl in der Grafik als auch bei der Musik