Zunächst einmal, wer einen Thriller lesen möchte, wo man bis zur letzten Seite miträtselt, wer denn nun der Täter ist, der ist mit diesem Werk schlecht beraten. Denn weder ist das Verbrechen originell (kleine Mädchen werden gemeuchelt), noch bekommt man Hinweise, wer der Täter sein könnte (vielleicht war der Autor selbst überrascht, wer nun der Mörder ist).
Trotzdem kann man der Geschichte nicht die Spannung absprechen. Leser, die sich gerne überraschen lassen und vom erwarteten Genre abweichen können, kommen auf ihre Kosten.
Es steht nicht das eigentliche Verbrechen (kleine Mädchen werden gemeuchelt) im Vordergrund, sondern die Art, wie eine amerikanische Kleinstadt damit umgeht (obwohl das nicht ausschließlich nur für amerikanische Kleinstädte gelten dürfte).
Da die Einwohner nicht wissen, wer ihre Kinder bedroht und sich dementsprechend hilflos fühlen, fangen sie an, sich selbst einen Täter „maß zu schneidern“. Klar, daß es zunächst die Außenseiter trifft, die sich schon immer merkwürdig verhalten haben (Vorsicht, hier sind manche Charaktere einfach zu überspitzt dargestellt).
Als man dort dem Täter nicht habhaft werden kann (obwohl Blut fließt), beginnt man im näheren Umfeld nach zu forschen. Dabei kann es unliebsame Zeitgenossen erwischen, alte Rechnungen wollen beglichen werden, ...kurzum, die braven Bürger bekommen paranoide Züge und niemand ist davor gefeit, selbst ins Fadenkreuz zu geraten.Währendessen wird das Leben der Unschuldigen von den Morden bestimmt, da sie sich kaum noch in die Öffentlichkeit wagen und lieber ihr eigenes Netz der Angst spinnen, worin sie sich vollendens verfangen.
Gelungen ist auch der Erzähler. Zwar beschreibt er sich selbst gut genug, daß er plastisch wird, doch bleibt er durchschnittlich genug, daß es erschreckend ist, wenn er schließlich selbst zu den Verdächtigen gezählt wird (weil er schwul ist, weil er Kinder mag, etc.). Der Leser selbst verliert das eigentliche Verbrechen irgendwann aus den Augen, weil er zu sehr damit beschäftigt ist, wen die Stadtbewohner wohl als nächstes aufs Korn nehmen.
Die Identifizierung des Mädchenmörders ist dagegen fade, denn man hat ihn zuvor nicht richtig kennen gelernt. Der Leser erhält eigentlich kaum eine Chance, ihm auf eigene Faust auf die Schliche zu kommen. Da wirkt die Auflösung recht zusammengeschustert.
Dieser Roman ist vielmehr Sozialstudie, denn Thriller. Mich hat es nicht gestört, da es fesselnd bis zum Schluß blieb und ich nicht umhin konnte, nachdenklich zu werden. Deswegen volle Punktzahl.