Schon wieder ein Gemeindeaufbaubuch? Schon wieder Methoden aus einer außereuropäischen Gemeinde, die ein Konferenzzentrum als Gottesdienstraum braucht? Schon wieder eine Megachurch, wie sie es nur in Amerika geben kann? In einer Weise ja. Trotzdem lohnt sich dieses Buch. Es ist mehr als nur der systematisierte Bericht des Pastors einer überdurchschnittlich erfolgreichen Gemeindeneugründung. Worum geht es im einzelnen?
Warren beginnt mit einem ganz grundsätzlichen Ansatz. Er stellt heraus, wie wichtig es ist, die Gemeindearbeit nach dem neutestamentlichen Auftrag von Gemeinde zu organisieren (Daher auch der Originaltitel The Purpose- Driven Church, die auftragsbestimmte Gemeinde). Das ist auch schon der Kern. Klingt nach simpler Bibelarbeit, hat aber derart viele Implikationen, praktische Konsequenzen und sieht im realen Gemeindeleben oft so anders aus, dass ein konsequentes Arbeiten in diese Richtung tatsächlich notwendig scheint.
Doch dieses Buch ist kein Buch über systematische Gemeindetheologie. Es beschreibt, auf welche Weisen diese Zielorientiertheit umsetzbar ist. Wichtig ist dem Autor dabei, kultur- und zeitbezogene Aspekte der Gemeindearbeit wie auch inhaltliche, zeitlose Aspekte zu berücksichtigen. Er fällt bei aller Praxisorientiertheit und bei allen Beschreibungen seiner Gemeinde, Saddleback Valley Community Church in Südkalifornien, nicht in Methodenreiterei oder eine "Das-funktioniert-bei-Dir-auch-so"-Haltung.
Warren stellt noch zwei weitere interessante und für manche deutsche Ohren provokative Konzepte dar: Zum einen unterscheidet er fünf Ebenen von Hingabe bei den Menschen, zum anderen stellt er seinen vierstufigen "Lebensentwicklungsprozess" dar, ein System aus Schulungen für die Gemeinde. Aus der Beobachtung, dass es in der Gemeinde Menschen gibt, die durchaus unterschiedlich an Christus hingegeben sind, hat Warren fünf "Kreise der Hingabe" entwickelt: Ganz außen die Gesellschaft mit wenig Hingabe, über Gottesdienstbesucher, offizielle Gemeindemitglieder, "gebende Gemeindemitglieder" hin zum Gemeindekern aus Mitgliedern mit reifer Hingabe, die in der Gemeinde dienen. Jede dieser Gruppe hat nun ihre eingenen Bedürfnisse, Interessen und Probleme. Nun ist die Herausforderung, durch unterschiedliche Inhalte jede dieser Gruppen möglichst anzusprechen und vor allem eine Reifung der Hingabe zu fördern. Das soll durch ein System von Kursen, gemeinschaftlichen Treffen und dergleichen geschehen. Warren nennt das einen "Lebensentwicklungsprozess", den er in vier Stufen aufgliedert:
(1) Hingabe zur Mitgliedschaft,
(2) Hingabe zur Reife,
(3) Hingabe zum Dienst und
(4) Hingabe zu Mission.
Die Kreise der Hingabe und der Lebensentwicklungsprozess stehen im Hintergrund der Gemeindearbeit von Saddleback.
In seinem Buch gibt Warren eine reiche Fülle von Hinweisen und stellt Fragen, aus denen auch die reichen Nutzen für ihre eingene Arbeit ziehen werden, die Warren vielleicht nicht unbedingt in diesen beiden Punkten folgen mochten. Zum Beispiel werden Details wie das Predigen für Kirchendistanzierte und die Musikauswahl in Gottesdiensten für Suchende bedacht wie auch so konzeptionelle Dinge wie Besucher zu Gemeindemitgliedern oder wie Mitglieder zu Mitarbeitern werden können. Es finden sich Mengen an zitierfähigen, nachdenkenswerten Aussagen, so z.B.: "Die Wiederkehr des ewig Gleichen hat mehr Gottesdienste kaputt gemacht als irgendein anderer Faktor" (272) in Zusammenhang mit überaltertem Liedgut, "viele Pastoren versuchen, die folgende Tatsache zu ignorieren: Qualität bewirkt Quantität. Eine Gemeinde, die aus wirklich veränderten Menschen besteht, wird andere Menschen anziehen" (53), "Du glaubst nur den Teil der Bibel, den Du tust" und vieles mehr.
Zu betonen ist noch, daß dieses Buch auf Basis einer zielgruppenorientierten Gemeindeneugründung im amerikanischen Kulturkreis entstanden ist, mit allem, was das für Übertragbarkeit von Methoden auf die Situation von einer konkreten deutschen (Kirchen-)Gemeinde bedeutet. Die Anstöße und Hinweise aus Warrens Buch bedeuten aber auch bei diesem Sachverhalt einen großen Gewinn für Gemeindearbeit in Deutschland. Und es geht dem Autor nicht darum, daß nun viele Gemeinden nach seinen Methoden arbeiten, sondern darum, dass der biblische Auftrag von Gemeinde zeit- und kulturgerecht umgesetzt wird.
Als wohltuend empfand ich besonders das Grundkonzept, Gemeindegesundheit über Gemeindewachstum zu stellen. Strukturierte Gemeindearbeit hat ein großes Potential, wenn sie sich, wie hier vorgeschlagen, an neutestamentlichen Vorgaben orientiert und für die gegenwärtige Generation sensibel ist. Ich habe persönlich durch die Lektüre dieses Buches eine große Ermutigung für meinen eigenen Dienst erfahren. Meine Beurteilung ist also klar: Es lohnt den Kaufpreis, die Lesezeit und den Regalplatz. Und sogar noch mehr: Es lohnt sich, über die sehr vielen Anstöße aus dem Buch nachzudenken und sich mit anderen auszutauschen. Als Student steht bei mir natürlich noch die harte Prüfung dieses Buches an jahrelanger Gemeinderealität aus. Aber mit diesem Vorbehalt und der Erinnerung, daß nichts außer der Bibel kanonisch ist, eine klare Empfehlung.
Mit diesem Buch hat der Verlag, Projektion J, eine Serie gestartet ("Edition Kirche mit Vision"), in der weitere Bücher von amerikanischen, aber auch schwerpunktmäßig von deutschen Autoren erscheinen. Über deren Qualität müsste anderweitig gesprochen werden, ich sehe nur die Gefahr, daß man vor lauter Lesen nicht an die praktische Umsetzung vor dem kulturellen Hintergrund der eigenen Gemeinde und
Denomination geht.
Benjamin Spring
30 (2000), 81-83