Ich bin - jedenfalls zum Zeitpunkt der Lektüre - Gemeindepfarrer mit einem kombinierten Unterrichtsauftrag an einem Gymnasium. Das Buch von Isolde Karle ist flott geschrieben, gut lesbar und thesenfreudig. Und damit ist das Wichtigste schon gesagt: Es ist eine anregende Lektüre, man merkt der Professorin an, dass sie im Gemeindepfarramt war und über ihren Mann den Kontakt dazu nicht verloren hat. Vieles, was sie in Theoriesprache zugespitzt beschreibt, trifft die Wahrnehmung sehr genau. Aufregend, weil ein wirklich neuer Aspekt für mich, war, was sie über die Entprofessionalisierung des Pfarrberufes schreibt - wenn das stimmt (und es fühlt sich manchmal durchaus so an), dann gehen wir wohl einem sehr ernsthaften Problem entgegen. Wenn der Pfarrberuf wegen unklarer Anforderungen und mangelnder institutioneller Abstützung nicht mehr attraktiv ist, wenn man meint, auf gut ausgebildete, wissenschaftlich orientierte Theologen und Theologinnen verzichten zu können, verlieren wir ein kernprotestantisches Anliegen aus den Augen. Hier kann ich in großen Teilen mit dem, was sie schreibt, mitgehen. Ich erlebe in der Schule (in Hessen) sehr anschaulich, was geschieht, wenn man meint, gut ausgebildete Lehrekräfte auch nur partiell durch bezahlten Hilfskräfte ersetzen zu können. Das ist eine strukurelle Kränkung sowohl für die Profis als auch für die (oft qualitativ sehr gut arbeitenden!) Non-Professionals, die man vermeiden sollte. Denn solches fällt auf das Ansehen der Insitution zurückt, und Institutionen leben doch in hohem Maße von ihrem Ansehen und ihrem Standing. Eine Kirche, die ihre Pfarrer und Pfarrerinnen schlecht behandelt, wird auch und gerade von den Menschen, bei denen das Pfarramt im Ansehen hoch steht, wenig Zutrauen erwarten dürfen. Dieses Kapitel des Buches fand ich am stärksten, was natürlich mit meiner Position zusammenhängt.
Dazu gehört die zweite aufregende "Entdeckung", bei der ich mir weniger sicher bin, dass sie "stimmt", obwohl es mir schlagartig bestimmte Entwicklungen in der Kirche zu verstehen half: Die von ihr diagnostizierte Entwicklung der Kirche von der Institution zur Organisation und die damit verbundene Ökonomisierung des Denkens. Eine zumindest in Teilen bedenkenswerte Sichtweise - und dabei ist dieses Buch von einer, wenn ich es mal so sagen darf, kritischen Liebe zur Kirche durchzogen. Hier wird nicht das Ende verkündigt oder der ständige Wandel gepredigt (dazu schreibt sie fast schon ein wenig ironisch: Wer ständig nach Reform und Wandel ruft, dessavouiert das Bestehende), sondern einfach nur genau hingeguckt.
Ich finde auch, wie der erste Rezensent, dass dieses Buch große Aufmerksamkeit verdient, es will ein Gesprächsbeitrag sein, und das ist es auch, jedenfalls für solche Leser, die keine Berührungsängst haben. Bemerkenswert ist nämlich auch, dass Isolde Karle nicht nur, wie durchaus auch Mode ist, nur räsoniert, sondern auch Hinweise gibt, wie es anders gehen kann.
Für Pfarrer und Pfarrerinnen und für engagierte Gemeindeglieder, die mit soziologischem Denken und Theologie vertraut sind, eine bereichernde Lektüre.