Das Buch ist heftig, sehr heftig sogar. Ich muß es erst einmal verdauen. Diejenigen, die ein "Zahnarzt-was-kann-er-sich-alles-leisten-Reisebuch" erwarten, werden genauso enttäuscht sein wie Leute, die eine bloße Abhandlung über Naturvölker vermuten. Auch für Globetrotter und Survival-Liebhaber scheint das Buch nicht so recht geschrieben worden zu sein. Es ist eine ungewöhnliche spannende Biographie, bei der am Satzanfang schon ruhig öfters mal das Wörtchen "ich" stehen sollte. Der Spannungsbogen ist sehr weit gefasst. Aber das scheint so gewollt zu sein. Eine Entwicklung vom indianerspielenden Thälmannpionier, NVA-Diversanten, Stasi-Häftling inmitten von Kindermördern, Vergewaltigern und Nazi-Kriegsverbrechern im DDR-Zuchthaus und nach der Abschiebung in den Westen und etlichen Expeditionen weiter zum engagierten "Völkerforscher" - eine Bezeichnung übrigens, die der Sender PRO-SIEBEN extra für ihn erfunden hat. Die Geschichte ist schon ein "harter Tobak". Es geht im Buch nicht nur um Indianer und Völkerkunde, sondern auch um Gewalt, Mord und Totschlag in der DDR. Das alles wird sehr lebensnah geschildert. Die teils erschütternden Geschichten aus der DDR-Zeit sind kein gewolltes Survivalspiel, das Manager für ein Wochenende zwecks Selbstfindung buchen könnten, diese Geschichten waren Realität und bitterer Ernst in einem düsteren Kapitel deutscher Geschichte. Im DDR-Knast ging es um das nackte Überleben, um Machenschaften von Ost und West-Geheimdiensten, um Spitzel, Schleusungen usw. Im Buch geht es aber auch um das Mitwirken eines Arztes bei der Schaffung von Schutzgebieten für isolierte Indianer, einem sehr sinnvollen Einsatz deutscher Steuergelder für das Überleben von Naturvölkern, wie ich meine.
Ich begrüße ich es, dass Roland Garve in den verschiedenen Talkshows die verantwortlichen Politiker darum bittet, Völkerkunde in Deutschland zu einem Schulfach zu machen, und die Etatkürzungen für Völkerkundemuseen scharf kritisiert. Umgekehrt stelle man sich mal vor, ein Ethnologe würde sich für eine finanzielle Förderung der Zahnärzte einsetzen. Sympathisch finde ich an dem Autor, dass er sich im Buch niemals selbst als Völkerkundler bezeichnet. Obwohl sein letztes Buch "Unter Amazonasindianern" bis heute eines der ganz wenigen aktuellen Nachschlagewerke über die Tieflandindianer in Südamerika ist. Weltweit! Leider sind auch alle anderen seiner Bücher längst vergriffen. Aber während des Studiums war es für uns nichts ungewöhnliches, wichtige Informationen aus Büchern gerade von Ärzten oder autodidaktischen Feldforschern zu bekommen. Der große Xingú-Forscher Karl von der Steinen war Nervenarzt und der bekannteste Amazonas-Völkerkundler Brasiliens Nimuendajú ein Optiker aus Jena usw. Ohne deren Forschungsergebnisse wäre die südamerikanische Indianistik ganz schön arm.
Bedauerlich finde ich nur, dass der Autor gar nicht weiter auf die Kultur der Korowai und Kombai eingeht. Schließlich hat er über diese Völker mehrere Fernsehberichte und Fachveröffentlichungen gemacht. Das gleiche gilt für die anderen Völker Melanesiens, z.B. in Vanuatu... Oder die Entdeckung der Din in Neuguinea, was damals durch die Weltpresse geisterte. Aber vielleicht hätte das ja auch den Rahmen gesprengt.