Karsten, der Ich-Erzähler in Björn Kerns Erstlingsroman, gehört nicht zu den jungen Männern, die sich clean zu halten versuchen, indem sie so tun, als hätten sie eh alles schon durchschaut und als gehe sie alles gar nichts an.
Im Gegenteil: Karsten lässt sich berühren vom Leben, er lässt es ganz nahe an sich heran, so nahe, dass es weh tut. Und er fühlt sich überfordert, bedroht, belogen: "Manchmal glaube ich, die Welt macht sich über mich lustig." Dann will er nur noch mit seiner Freundin Anna zusammen sein und seine Ruhe haben. Die Geisterbilder seiner Erinnerung versucht er los zu werden, indem er Anna erzählt, immer wieder erzählt, vor allem von den Erfahrungen, die er als Zivildienstleistender in einem Heim für alte und kranke Menschen gemacht hat.
So schieben sich im Roman Erinnerungen, Erlebnisse, Träume ineinander: Krankheit und Tod im Pflegeheim in Südfrankreich, Liebe, Spiel und Lebenshunger im Zusammensein mit Anna, Wut und Gewalt im Anti-Castor-Einsatz, TV-Nachrichten und Talk-Shows, Thymian, Majoran und Rosmarin im Traum von der Provence, Terrorphantasien.
Hin und hergerissen zwischen Erleiden und Zurückschlagen, zwischen Opfer und Täter, zwischen Selbstzerstörung und Aggression nach außen, nimmt Karsten schließlich das Stop-Schild von der Wand seines Zimmers und versucht die Welt anzuhalten...
Dies und vieles mehr wird erzählt in kurzen Sätzen, in rasantem Tempo, in einer zupackenden Sprache, die schonungslos hart sein kann und zärtlich, drastisch und witzig, ratlos und verwirrt.
"Die Welt trommelt auf mich ein, wie Hagel auf einen See", sagt Karsten, und der Autor registriert präzise, wie seine Figur auf dieses Trommelfeuer reagiert. So kann der Leser miterleben, wie sich von einem Wort zum nächsten ein Gefühl verändert, wie plötzlich überraschende Einsichten aufblitzen, wie mitten im brutalsten Distanzierungsversuch Mitgefühl sich meldet, wie Zynismus in Solidarität umschlägt.
Björn Kern ist ein Buch gelungen, so prall gefüllt mit Leben, so erschreckend und so menschlich, dass es den Leser, nachdem er es aus der Hand gelegt hat, noch lange nicht loslässt, ein Buch, dem man viele Leser wünscht, und nicht nur junge.