Die Eskapaden eines Klaus Kinski waren von einer ganz anderen Art als die medial inszenierten Entgleisungen heutiger Pop- und Filmikonen. Das behaupte ich selbst auf die Gefahr hin, dass man mir deshalb den Mantel eines Grufti anhängt. Als Beweismaterial dienen nebst Herzogs Filmen Fitzgeraldo, Aguirre und der Zorn Gottes auch die Gedichte, die Klaus Kinski hinterlassen hat. Kinski war ein Getriebener, konnte nicht anders, war ein Rimbaud, Villon, Baudelaire oder Heine des 20. Jahrhunderts. Seine Biografie liest sich wie ein Kompendium über den Neurotizismus des modernen Grossstadtmenschen. Kurz: Klaus Kinski war und ist ein Ereignis, das sich nicht kopieren lässt. Und nun liegt eine CD vor, auf der sein Sohn Nikolai Gedichte des Vaters liest. Das ist aus mehreren Gründen aussergewöhnlich. Nikolai wuchs in Paris und Los Angeles auf, konnte kein Deutsch. Erst seine Beschäftigung mit dem Nachlass seines Vaters, liess ihn die kulturellen Wurzeln seines Vaterlandes entdecken. Er zog nach Berlin und übte seinen Beruf als Schauspieler aus. Die Biografie von Nikolai zeigt auch, wie schwierig es ist, als eigenständiger Künstler wahrgenommen zu werden, wenn der Vater Klaus Kinski heisst. Im dürftigen Booklet zur CD stehen die Sätze: "Ich wollte den Rezitator Klaus Kinski keinesfalls kopieren oder imitieren, sondern seine Lyrik mit meinen Mitteln interpretieren. Wer hat schon die Gelegenheit, mit 30 in die Gefühle des eigenen 25-jährigen, aber inzwischen verstorbenen Vaters, 55 Jahre nach ihrer Niederschrift einzutauchen und seiner Kunst eine eigene Stimme zu leihen?"
59 Minuten lang leiht Nikolai seine Stimme aus. Und wie er das macht, ist beeindruckend. Zwar hätte ich dieses auditive Schauspiel nicht mit dem Gedicht "Ich" eröffnet und den Spannungsbogen anders konzipiert, fand aber den Einstieg bei der zweiten Aufführung dennoch. "Kinski spricht Kinski" wurde von Nikolai als Bühnenprogramm konzipiert. Und das spürt man irgendwie. Die CD ist also letztlich ein Ersatz, wie viele Aufzeichnungen eines Theaters. Allerdings ein Ersatz, der das Wesentliche über die Distanz zu transportieren vermag. Eine Leistung, die nicht alle Sprecher schaffen.
Mein Fazit: Man mag die mediale Aufregung um diese CD für übertrieben halten. Ich finde, dass der Zweck in diesem Fall die Mittel heiligt. Denn wie lange ist es her, dass eine Lesung von Gedichten so viel Aufmerksamkeit erregt? Und weil ich Gedichte mag, ist mir das ganze Brimborium um Nikolai Kinski egal. Nein, ich finde es sogar gut.