„Nie wäre mir in den Sinn gekommen, das, was ich ausdrücken wollte, in die Zwangsjacke einer dieser idiotischen, fürs Publikum zurechtgeschusterten Filmhandlungen zu verschnüren, mit ihrer pedantischen und diktatorischen Logik und ‚Continuity'. Der Versuch, Paganini in die übliche Form eines Filmes einzuzwängen, hieß, ihn lebendig einzumauern. Denn er lebte - in mir", schreibt Klaus Kinski über seinen Film „Kinski - Paganini", der schon jetzt die DVD-Sensation des Jahres ist!
Ein biographischer Film über den italienischen „Teufelsgeiger" Nicolò Paganini (1782 - 1840), dessen virtuoses Geigenspiel die Damen der feinen Gesellschaft angeblich zum Orgasmus zu bringen vermochte. Ein wunderbar surrealer Film voll intensiver Musik und wilden Bildern. Die letzte Arbeit des großen deutschen Ausnahmekünstlers Klaus Kinski ist gleichermaßen eine Parabel auf sein eigenes Leben und Werk. Die Essenz seines Wirkens und Schaffens: In ihr finden sich Reminiszenzen an seine expressionistischen Villon- und Rimbaud-Rezitationsabende, da ist das Karnevaleske der Edgar-Wallace-Filme und das Opernhafte seiner Italo-Western - der Kitsch von Exploitation-Filmen und die Erfahrungen mit Regisseur Werner Herzog.
Private Momentaufnahmen aus dem Leben Paganinis, im Alleingang furios in Szene gesetzt von Klaus Kinski. Ungefähr 25 Jahre vor der Realisierung des Films sieht Kinski in Wien in einem Schaufenster ein Bildnis von Paganini und ist überzeugt davon, selbst die Reinkarnation des Geigers zu sein. Wie ein Besessener glaubt er an eine derartige Seelenverwandtschaft, woraus die Idee zu diesem Film entsteht. Kurzerhand schreibt Kinski ein Drehbuch. „Die Struktur meines Films ergab sich aus dem Instinkt: Noten. Noten der Musik. Noten der gefilmten Bilder und Dialoge. Noten der Gefühle. Alles andere würde ich während des Drehens entscheiden." Er verhandelt und streitet mit Produzenten, führt Regie, verkörpert die Rolle des „Teufelsgeigers" Paganini. Entwirft Titel und Filmplakat, beschreibt den Kampf um das Projekt in einem Buch.
Lange Zeit liegt das Projekt brach, weil Kinski keine Geldmittel auftreiben kann. 1987 gelingt ihm schließlich die Umsetzung in Zusammenarbeit mit italienischen und französischen Produktionsfirmen. In einer Drehzeit von nur 46 Tagen und einem dilettantischen Stab am Set schreibt Kinski Filmgeschichte. Abseits jeglicher konventioneller Erzählform inszeniert er ein Bild Paganinis, das nur bei bedingungsloser Identifizierung mit den Charakteren als möglich erscheint. Eine lebendige und dynamische Fotografie - von Pier Luigi Santi durchweg ohne Kunstlicht gefilmt - des Mythos Paganini, voller Poesie und Leidenschaft, animalisch und zärtlich zugleich, mit eindeutigen autobiographischen Parallelen.
Schon lange glaubte Kinski ähnliche Erfahrungen gelebt zu haben wie der legendäre „Teufelsgeiger" Paganini, der das gesamte Europa des 19. Jahrhunderts in Taumel versetzte, und durch dessen Persönlichkeit Klaus Kinski ein letztes Mal, mit der ihm eigenen tiefen Ehrlichkeit und Konsequenz, die ganze Bandbreite auch seines eigenen Lebens offenbart - einem Leben der Extreme. Kinski selbst hielt sich für die Reinkarnation Paganinis: „Wenn ich in den Spiegel sah, wusste ich, dass die Metamorphose sich vollendet hatte. Ich dachte und fühlte, ich handelte wie Paganini. Seine sexuelle Gier war ohnehin die meine. Ich lebte sein Leben, das mein eigenes war." In „Kinski - Paganini" verschmelzen Form und Inhalt zu einer Melange von bemerkenswerter Vollkommenheit, die man nur bestaunen oder verachten kann. Ein Bannstrahl von einem Film, der einen entweder bis in den Schlaf verfolgt oder im Regen stehen lässt.