Jesus Christus Erlöser" lief in meiner Heimatstadt etwa zwei Wochen lang in einem kleinen, alten Spartenkino. Ich war eher zufällig auf diesen Film gestoßen. Kinski kannte ich bereits aus einigen Italowestern (wie z.B. dem meiner Meinung nach genialen "Leichen pflastern seinen Weg") und anderen Filmen und freilich hatte ich schon Fragmente des denkwürdigen Abends im Oktober 1971 auf You Tube" gesehen (eine Empfehlung für jede Studentenparty, auf der ein Rechner läuft), aber dennoch war ich freudig überrascht, dass sich tatsächlich jemand die Mühe gemacht und den kompletten Abend rekonstruiert hatte. Als ich den Kinosaal betrat, konnte ich unter meinen Füßen die alten, mit rotem Teppich überklebten Schiffsbohlen knarren hören. Die Kinosessel, sicher auch schon alt an Jahren, hätten ebenso gut in einer großen Halle der 70er Jahre stehen können. In der Spätvorstellung, die ich alleine besuchte, saßen vielleicht 10 Leute, die sich im ganzen Kinosaal verteilt hatten. Sie alle wirkten gespannt und aufmerksam. "Woodstock" hätte Kinski vielleicht gesagt. Als der Film begann, zog mich die Stimmung dieses Abends förmlich in ihren Bann. Vielleicht durch die äußeren Umstände und das Flair des Kinos verstärkt, fühlte ich mich schon nach kurzer Zeit als Teil des Filmes, ja, es kam mir tatsächlich so vor, als säße ich im Publikum der Berliner Deutschlandhalle des Jahres 1971.
In die Dunkelheit erhallt zu Beginn des Filmes, nachdem die Zuschauer den Eingang passiert und im Saal Platz genommen haben die Stimme von Klaus Kinski. Jeder, der schon mal bei einer Großveranstaltung war, wird den Zusammenschnitt dieser ersten Bilder lieben. Sie sind einfach so nah an der Wirklichkeit. Peter Geyer zeigt nur kurze Eindrücke wie Gesichter, angerissene Eingangskarten, Kontrolleure und alle möglichen Besucher, diffuses Licht, Stühlerücken, eintretende Dunkelheit; Bilder also, die wie eine lebendige Erinnerung strukturiert sind. Schließlich taucht Kinski dann in einem einzelnen blendend hellen Spot auf der Bühne aus der Finsternis. In der Hand trägt der einsam und fast verloren wirkende Kinski ein silbernes Mikrofon, gewandet ist er in ein etwas seltsam anmutendes Hemd mit Blumen- und Punktmustern und eine lila Schlaghose. Der entschlossene und konzentriert- ergriffene Gesichtsausdruck steht in einem seltsamen Kontrast zu seiner etwas unglücklich gewählten Frisur. Ungefiltert werden die Emotionen, denen Publikum und Künstler an jenem Abend die Bahn schlagen auf den Zuschauer projiziert. Die Wut, der verletzte Stolz und die Trauer ob der Zurückweisung, Feindseeligkeit und des Liebesentzuges seiner Zuhörer und über den Verlust an Aufmerksamkeit schlagen sich im gesamten Habitus Kinskis nieder. Durch intensive Nahaufnahmen seines Gesichtes wird dem Zuschauer der Mensch Klaus Kinski in all seiner Aufrichtigkeit und Verletzlichkeit deutlich vermittelt. Man spürt förmlich, wie er mit sich ringt, wie er hochkonzentriert versucht, seinen Text zu sprechen, sich vollkommen in seine Rolle fallen zu lassen und gleichzeitig eine sinnvolle Strategie gegen sein zunehmend aggressiver auftrumpfendes Publikum zu finden. Mal baut er die Kritik an einzelnen Zuhörern in seine Textpassagen ein, wobei er die Stimme erhebt und wild umhergestikuliert, mal rastet er völlig aus und versucht, Zuschauer mit seinem Mikrofon zu bewerfen, mal fordert er Einzelne auf die Bühne, um ihnen dann getroffen das Mikrofon spontan wieder zu entreißen, mal versucht er es mit Ignoranz, mal flieht er. Einen jungen Mann, der plötzlich auf der Bühne erscheint, weil er "nur kurz etwas sagen will", lässt Kinski durch einen Sicherheitsmann von der Bühne zerren. Als die Unkenrufe verstummen, nimmt er seinen Text ironischerweise an der Stelle wieder auf, wo es heißt: "Lasset die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht..." Die Widersprüche seines Textes zu seinem Auftritt und auch seiner Person werden ihm durch ein z.T. überkritisches, diskussionsfreudiges und intolerantes Publikum, das ihn fortwährend beleidigt und unterbricht schmerzlich vor Augen geführt. Der zu Tränen verletzte und gleichzeitig von seiner Rolle fast ekstatisch ergriffene Kinski ist dieser Situation nur bedingt gewachsen. Zu sehr ist er in seiner Rolle gefangen, zu schmerzlich ist für ihn der Liebesentzug und zu groß die Wut über die Unterrechungen, als dass er die Widersinnigkeiten seiner etwas eigenwilligen Interpretation des neuen Testaments bemerken oder souverän auf die Störungen reagieren könnte. Die Pöbeleien, die er von sich gibt, sind letztlich ein Ausdruck seiner Rat- und Hilflosigkeit. Bei diesen Zuschauern ist er mit seinem Latein am Ende. Ebenso ist es auch dem störenden Teil der Zuschauer nicht möglich, die Provokationen und Feindseeligkeiten einzustellen und den Mann einfach seinen Text vortragen zu lassen. So wird der Abend zu einem Exempel einer sich durch Intoleranz gegenseitig hochschaukelnden Stimmung bis hin zur Eskalation der Situation, wobei es bemerkenswert bleibt, mit welcher Tapferkeit und Beharrlichkeit Klaus Kinski immer wieder vor seine Besucher tritt, um ihnen seine Botschaft über den modernen Jesus zu vermitteln und mit welcher Aggression einzelne Zuschauer den Konflikt unbeirrt suchen und zuspitzen. Diese Konfrontation zu verfolgen, könnte spannender und unterhaltsamer nicht sein. Kinski war, wie die Aufnahmen eindeutig zeigen, ein Tiger.
Die DVD ist qualitativ vollkommen in Ordnung, wenn man berücksichtigt, dass es sich um sehr alte Filmaufnahmen handelt. Doch gerade das macht dieses Zeitdokument so authentisch und empfehlenswert. Wer allerdings umfangreiche Extras erwartet, wird enttäuscht werden. Mich störte das nicht. Lange hatte ich auf die Veröffentlichung der DVD gewartet, und so habe ich sie natürlich gleich gekauft, als es so weit war. Ich kann sie nur wärmstens empfehlen. Um die Stimmung, die der Regisseur Peter Geyer exzellent eingefangen hat, in vollem Umfang zu genießen, empfehle ich, den Raum abzudunkeln und sich geistig für 80 Minuten in die Berliner Deutschlandhalle des Jahres 1971 fallen zu lassen. In dieser Zeit eines großen gesellschaftlichen Wandels kann man dann ein einmaliges Schauspiel verfolgen.