Dieses Buch hätte ich - wie ich zu meiner Schande gestehen muss - beinahe übersehen. Auch die Rezension Fritz Göttlers in der SZ war mir entgangen, shame on me. Ein Radiointerview mit dem Autor Christian David vor drei Wochen machte mich darauf aufmerksam. Zum Glück! Ich ließ es mir gleich kommen.
Fazit: Ich bin wirklich begeistert!
Das ist eine der besten Schauspielerbiografien, die ich je gelesen habe! Eigentlich kenne ich Biografien dieser Qualität fast nur aus dem englischen Sprachraum (z. B. die Hitchcock-Bio von Donald Spoto). Ich nehme an, Christian David hat sich ein Beispiel daran genommen. Im deutschen Sprachraum hat man oft nur die Alternative zwischen Büchern, die bloß aus Klatsch und Tratsch bestehen, sowie solchen, die sich auf die Kommentierung von Filmen oder Auftritten beschränken (und das Leben lückenhaft wiedergeben). Hier ist es anders: Man erfährt unglaublich viel über Kinskis Leben - und zugleich werden die Filme, Theaterrollen, Rezitationen usw. ausführlich behandelt.
Mich hat überrascht, wie genau das Buch recherchiert ist und wieviel David noch über Kinski herausfinden konnte. Viel Neues ist zu erfahren: Kinskis Absturz und Selbstmordversuche 1955 und sein mühsames Comeback in Wien, wo ihm eine reiche Freundin half und er vergeblich auf ein Burgtheater-Engagement hoffte; sein Wiederaufstieg zum deutschen Wallace-Star mit Villa in Grunewald; seine in Skandalen untergehende Tournee 1962; seine Existenz als zunächst hochbezahlter Euro-Star mit Villa und Partys, dann als rasch heruntergekommener Trashfilm-Bösewicht mit Geldsorgen und Mietwohnung in Italien, von der ihn Werner Herzog erlöste; seine "Flucht" nach Frankreich, wo er viele Pläne schmiedete, aber einsam litt; seine Jahre in Kalifornien, wo sich immer weniger Menschen für ihn interessieren. In Deutschland war er da nur noch der in Talkshows mild provozierende "Irre vom Dienst", der schon mal auf der Straße einen ihm nicht genehmen Autofahrer anpöbelt. David erzählt auch, wie Kinskis und Herzogs letzter Film "Cobra Verde" beinahe wegen des aggressiven Desinteresses Kinskis abgebrochen werden musste - wobei auch sichtbar wurde, dass Kinski gesundheitlich ziemlich angeschlagen war. Die depressiven letzten Jahre mit Geldmangel, Einsamkeit und kaum noch interessanten Aufgaben werden von David so geschildert, dass man davon sehr berührt wird.
Christian David hat hervorragende Arbeit geleistet - jetzt weiß ich auch, dass Kinski offenbar mal ganz in der Nähe von mir wohnte...
Das Buch ist prall gefüllt mit Fakten und neuen Infos. Besonders schön: Bruno Ganz schildert seine Eindrücke von Kinskis Persönlichkeit. Auch andere Zeitzeugen geben wieder, wie sie Kinski erlebten. Und eine gute Idee von Christian David war es, immer auch die Umstände, unter denen Kinski lebte, zu charakterisieren. Das gibt dem Buch viel Atmosphäre.
Das Buch ist äußerst seriös - was nicht heißt, dass hier irgendein Skandal ausgelassen wird. Im Gegenteil, etwa aus dem Jahr 1955: Kinski wurde in München verhaftet, nur weil er seine Freundin in der Öffentlichkeit küsste... Und 1976 flüchtet ein verängstigter Schauspieler vor Kinski, der sich offenbar in den "Jack the Ripper" hineingesteigert hat... Die Abgründe Kinskis werden genau ausgeleuchtet. Aber die Art, wie David damit umgeht, grenzt sein Werk vom Boulevard-Voyeurismus ganz deutlich ab.
Ergebnis: Mein Kinski-Bild hat sich um 180 Grad gewandelt. Vorher sah ich nur einen sexsüchtigen Skandal-Star, jetzt einen - wenngleich schwierigen, zugleich aber auch liebesfähigen und hochintelligenten - Menschen. Und jetzt weiß ich auch, wie sich Kinskis Karriere entwickelte, wie sehr ihn seine Herkunft vom Theater beeinflusste - nur wollte man ihn am Theater nicht haben. Die bizarre Idee Kinskis, das Burgtheater zu verklagen (!) und dadurch zu einem Auftritt zu gelangen, ist nur so erklärlich. Das war damals eben sein Lebenstraum.
Den anderen Lebenstraum, nämlich den "Paganini"-Film, verfolgte Kinski tatsächlich seit den fünfziger Jahren, wie David nachweisen kann. Den konnte er realisieren - aber glücklich wurde Kinski dadurch nicht.
Wer also wirklich viel über Kinski wissen will, aber wer auch schon alles über Kinski zu wissen glaubt, wer etwas über die Entwicklung des deutschen und europäischen Films nach 1945 erfahren will oder wer einfach gerne gute Biografien liest- der braucht unbedingt dieses Buch.