Ich muss sagen, dass Liam Neeson immer mehr zu einem meiner Lieblingsschauspieler wird. Schon als Lehrmeister und Gegenspieler von Bruce Wayne in "Batman Begins" fand ich ihn sehr überzeugend und seine Leistung in "96 Hours" war nichts weniger als fesselnd. Hier in "Kinsey" zeigt er nun auch, dass er ein überragender Charakterdarsteller ist.
"Kinsey" ist die Verfilmung des Lebens des Sexualforschers Alfred Kinsey. Dieser wächst als Sohn eines ultra-konservativen Theologieprofessors aus. Sex ist ein Tabuthema und Masturbation eine Sünde, die bis zum Tod führen kann. Zunächst studiert er auf Drängen seines Vaters Bauwissenschaften, bricht das Studium dann aber ab und wechselt zu Biologie, worin er es - zwar oft verspottet von seinen Kollegen für seine Besessenheit für die Insektenwelt - bis zum Professor bringt. Zur selben Zeit heiratet er eine ehemalige Studentin und entwickelt ein facettenreiches Sexualleben. An der Universität fällt ihm auf, dass ein Großteil der Studenten nur unzureichendes und darüber hinaus konservativ-dogmatisch verzerrtes Wissen über Sexualität haben. Daraufhin hält er ein aufklärendes Seminar zur menschlichen Sexualität und führt erste Studien durch. Ergebnis ist ein erstes Buch zur männlichen Sexualität, das in der amerikanischen Gesellschaft für Furore sorgt. Kinsey wird einer der bekanntesten (und teilweise meist verachteten) Männer Amerikas.
Alfred Kinseys Lebensgeschichte ist höchst fesselnd (zumindest auf die Art, wie dieser Film sie komprimiert und darstellt). Er hat es wohl zum Großteil geschafft, sich von den Dogmen seiner Kindheit zu befreien und lebt nach seinen eigenen Überzeugungen. Natürlich zeigt der Film aber auch die Schattenseiten seiner Persönlichkeit. Er sieht Sexualität mehr und mehr als neutraler Wissenschaftler und entfremdet sich so von den Menschen in seinem Umfeld. Ständig muss er um seine Anerkennung als empirischer Wissenschaftler kämpfen. Er wird zum Workaholic, was zu einem Zusammenbruch führt. Außerdem hat er Probleme mit seinem Sohn, dessen Sportbegeisterung er ablehnt.
Wie schon gesagt, ist Liam Neesons schauspielerische Leistung exzellent. Auch die anderen Hauptdarsteller, darunter v.a. seine Frau und sein erster Assistent, spielen hervorragend. Dies macht den Film zu einem wirklich fesselnden und authentischen Erlebnis. Einen Stern ziehe ich ab, weil mir die kritische Phase des Films zu gestrafft erscheint. Hier hätte ich mir noch mehr Material gewünscht. Einige angerissene Thematiken bleiben zuletzt doch im Dunkeln. Auch das Ende wirkt recht willkürlich und sogar ein bißchen kitschig. Da hätte man sicher etwas Besseres kreieren können.