Mythenbildung 2.0 - Chris Corner nutzt den undurchsichtigen Status Quo seiner Band um seiner Solokarriere einen neuen Höhepunkt zu verschaffen.
Sieben Jahre ist die Veröffentlichung des letzten Albums der Sneaker Pimps her, und wirklich sicher sein, dass die Band noch existiert, darf man sich - trotz einer aktiven Homepage - nicht. Aber weil wenige Bands in den Neunziger Jahren so sehr das Potential zum ganz großen Durchbruch mitbrachten (und nie wirklich zu nutzen wussten), umgibt die immer wieder variierende Truppe um Chris Corner bis heute ein gewisser Mythos.
Dass der, genau wie alle noch so hohen Erwartungen, nicht unberechtigt ist, beweist nun "Kingdom Of Welcome Addiction", das dritte von Corner unter dem Namen IAMX veröffentlichte Soloalbum. Wie in besten Sneaker Pimps-Tagen setzt er auf schweren Synth-Pop mit Goth- und Punkrock-Einsprengseln wie er sonst von Depeche Mode oder Placebo praktiziert wird, getragen von einer düster-surrealen Grundstimmung und seiner wunderbaren, emotional aufwühlenden Stimme.
Textlich schrammt Corner immer mal wieder haarscharf am Kitsch vorbei, sei es im Albumtitel oder wenn er aus dem Berliner Tiergarten etwas plump den "Tear Garden" (nicht die einzige Referenz übrigens, die der Brite hier Rufus Wainwright erweist) macht. Aber was die Melodien angeht, gehören die Songs auf "Kingdom Of Welcome Addiction" - von verzauberten Balladen wie "My Secret Friend", einem Duett mit Imogen Heap, bis hin zu wilderen Stücken wie "You Can Be Happy" - zu den stärksten, eingängigsten und glamourösesten, die er je geschrieben hat. Fast scheint es, als dürfe der Mythos von einst nun endgültig verblassen!
Nach dem Aus für die Sneaker Pimps ist der britische Sänger Chris Corner mit seinem Soloprojekt IAMX unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Wave- und Gothicszene gelandet. Nachvollziehbar, denn sein metallisch-kühler 80er-Wavepop kreist um sexuelle Exzesse, Selbstzerstörung und Depression. Doch spätestens mit dem dritten Album sollte der in Berlin lebende Musiker nicht nur Kajalfetischisten anfixen. "Kingdom of welcome Addiction" ist weniger tanzbar als die Vorgänger und setzt voll auf Pathosbomben. Dabei ist Corner keine Geste zu groß, immer wieder wankt er am Abgrund zum Kitsch - und doch gelingen ihm unpeinliche Seelenstrips wie "Tear Garden" und "I am terrified". Wer von Depeche Mode gelangweilt ist, sollte IAMX unbedingt testen. Und vielleicht bringt ja "My secret Friend", Corners wunderschönes Duett mit der britischen Singer/Songwriterin Imogen Heap, endlich die verdiente Aufmerksamkeit auch außerhalb der Szene. (cs)