"King Lear" ist mit abstand die schwärzeste, härteste und erschütterndste von Shakespeares Tragödien. Nicht nur eine Geschichte in der das Gute verliert, eine Geschichte, in der alle verlieren. Die Guten werden entthront, verspottet und gefoltert und die Bösen ersticken an ihrem Größenwahn.
Der Kern des Stücks sind Schmeicheleien und falsche Versprechungen. Zu Beginn dankt King Lear ab, und möchte sein Königreich unter seinen 3 Töchtern aufteilen; unter der Bedingung, dass er als Repräsentant des Königshauses erhalten bleibt und monatlich zwischen Ihren beiden Königshöfen hin- und herreist, um so seinen Lebensabend zu verbringen.
Er fragt seine 3 Töchter, wie sehr sie ihn lieben. Zwei der Töchter versprechen ihm das Blaue vom Himmel herunter, und finden keine Worte für ihre Zuneigung. Nur die jüngste und unscheinbarste gibt offen zu, dass, solange sie verheiratet ist, ihre Liebe auch einem anderen Mann gehört, und sie damit nicht ihren Vater aus vollem Herzen lieben kann.
König Lear fällt auf die Schmeicheleien herein, und verstößt seine Jüngste, der er Undankbarkeit unterstellt. Das wird ihm zum Verhängnis - denn die beiden Töchter möchten das Königreich für sich haben, und schaffen in einem perfiden Komplott, den Vater zu überzeugen, er sei bereits wahnsinnig und senil, und nicht mehr in der Lage, seine Rolle wahrzunehmen. Sie entreißen ihm Schmuck, Krone und königliche Robe und schicken den alten Mann, nackt, verwirrt und verängstigt, in die stürmische Nacht hinaus.
Die beiden Töchter Goneril und Regan gehören zu den bösesten und verabscheuungswürdigsten Figuren, die Shakespeares erschaffen hat. Zwei raffgierige und selbstsüchtige Frauen, die erst gegen den gönnerhaften Vater intrigieren und sich dann selbst gegenseitig den Reichtum missgönnen. Einzig der Hoffnarr von Lear, der ihn alleine auf der nächtlichen Heide findet, ist eine sympathische Figur in einem Ensemble aus habgierigen und falschen Menschen. Mit jedem Akt verdüstert sich das Bild weiter, zieht sich die Schlinge enger. Erst im letzten Bild treffen nocheinmal alle Figuren aus der ersten Szene zusammen - eine Begegnung, die für niemanden Erlösung bietet.
Das elisabethanische Publikum mochte "King Lear" nicht, da es ihnen zu düster war - und auch nach 400 Jahren, und insbesondere nach 50 Jahren Ekeltheater im Deutschland wirkt das Stück immer noch wie ein Schlag in die Magengrube.