(Kinoversion)
Die im Oslo-Fjord gelegene Insel Bastøy war von 1905 bis 1953 Synonym für einen Ort des Schreckens. Jugendliche Straftäter wurden in die Erziehungsanstalt bzw. die Gefängniskolonie auf Bastøy geschickt, um ihre Strafen abzusitzen. Sie wurden geschlagen, gedemütigt und bei knappen Rationen zu schwerster Arbeit angehalten. Heute ist Bastøy ein modernes Gefängnis, dessen Insassen in Holzhütten wohnen und in ihrer Freizeit Fischen oder Tennis spielen gehen können. Anno 1915, zu der Zeit, zu der der Film spielt, sah das allerdings noch ganz anders aus. Einem Ereignis, das um diese Zeit stattgefunden hat, hat sich Regisseur Marius Holst ("Dragonfly") angenommen. In erschütternden, zu Herzen gehenden Bildern lässt er eine Zeit wiederauferstehen, in der das Wort Resozialisierung noch nicht vorkam und man meinte, bei straffällig Gewordenen nur mit Druck, Härte und drakonischen Strafen zum Ziel zu kommen. Einfühlungsvermögen, Lob und Interesse daran, wie jemand überhaupt zum Täter geworden ist, waren fehl am Platze. Doch wehe, wenn die Gedemütigten und Geschundenen sich gegen ihre Peiniger erheben, dann ist mit der Gnade der Geknechteten nicht mehr zu rechnen. Eine Spirale der Gewalt entfacht Holst hier, und das auf sehr bewegende und nachvollziehbare Weise. "King of Devil's Island" oder auch "König von Bastøy", wie der Originaltitel zu übersetzen wäre, ist ein großartiger Film, der tief beeindruckt und bewegt.
Bastøy, Norwegen, 1915: Seit 10 Jahren ist die Gefangenenkolonie für jugendliche Straftäter zwischen 11 und 18 Jahren in Betrieb. Unter Direktor Bestyrerens (Stellan Skarsgård, "Verblendung", "Mamma Mia") strenger Aufsicht werden die jugendlichen Delinquenten Tag für Tag seelisch und körperlich gequält und ausgebeutet. Selbst ihrer Namen wurden sie beraubt, sie werden schlicht nach Zellenblocks durchnummeriert. Es herrschen Zucht und Ordnung, die allerdings immer mit roher Gewalt und Demütigungen erzielt werden. Eines Tages kommt der 17jährige Erling (Benjamin Helstad in seiner erst zweiten Rolle) auf die Insel. Ihm fällt es schwer, sich so unterzuordnen, wie es von Bestyreren und vor allem seinem sadistischen Hausvorsteher Bråthen (Kristoffer Joner, "Hidden", "Dark Woods") verlangt wird. Immer wieder begehrt er auf und denkt an Flucht. Dem gleichaltrigen, angepassten Olav (Trond Nilssen in seiner ersten Rolle) ist dieses rebellische Verhalten nicht geheuer, dennoch kann er sich Erlings kraftvoller Unruhe und seinem Hinterfragen der grausamen Dinge, die auf Bastøy geschehen, nicht entziehen. Als herauskommt, dass Bråthen den schwächlichen Ivar (Magnus Langlete, der hier ebenfalls debütiert) missbraucht, eskalieren die Dinge auf Bastøy. Die Jugendlichen proben den Aufstand - mit schrecklichen, blutigen Folgen...
"King of Devil's Island" ist ein großartiger Film, der lange nachwirkt und tief berührt. Holst gelingt es so fantastisch, den Alltag in der Gefängniskolonie nachzustellen und spürbar zu machen, dass es eine Weile braucht, bis man sich gedanklich wieder von diesem erschütternden Film lösen kann. Schmerz, klirrende Kälte, Wut über die Demütigungen und täglichen Ungerechtigkeiten, all dies ist für den Zuschauer fast körperlich spürbar. Man empfindet tiefes Mitleid mit diesen oft noch minderjährigen Straftätern, die so unverhältnismäßig hart bestraft wurden, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Dazu das diktatorische Gehabe des Personals, das die Jungen immer wieder mit Schlägen züchtigt oder sogar missbraucht, und über all dem der zwielichtige Direktor, der sich gern als sozialer Gutmensch ausgibt, sich aber an den Subventionen für die Kolonie mehr als gütlich tut.
Es ist nahezu unmöglich, von "King of Devil's Island" nicht beeindruckt zu sein. Marius Holst und seine Drehbuchschreiber haben hier einfach alles richtig gemacht und ein zweistündiges Drama erschaffen, das seinesgleichen sucht. Die authentische, tief verschneite, eisig kalte Insellandschaft, das unheilvolle, graue Gefängnis, die kargen Schlafsäle, aus deren eisernen Betten der warme Atemhauch Dutzender Jungenkehlen in die kalte Nacht entweicht, die schwere Arbeit auf den Feldern und im tiefen Wald, die Demütigungen und angedeuteten Schändungen, die Willkür und Allmacht des sardonischen Personals und das nur schwer zu ertragende Leid, welches sich in diesen verletzlichen, verzweifelten Jungengesichtern widerspiegelt. All dies macht "King of Devil's Island" zu einem bestürzenden Zeitdokument, welches auf wahren Begebenheiten basiert.
Noch bemerkenswerter als die souveräne, einfühlsame Regie sind hier allerdings die Darstellerleistungen. Bei den Jugendlichen hat Holst fast ausnahmslos auf Laien zurückgegriffen, die noch gar keine oder nur wenig Schauspielerfahrung hatten. Umso beeindruckender ist, was dieser fantastische Cast hier abliefert. Benjamin Helstad als unbeugsamer Anführer, der sich einfach nicht brechen lassen will, ist sowohl physisch als auch psychisch genau richtig für die Rolle. Sein rohes, fast bulliges Äußeres korrespondiert hervorragend mit den Charaktereigenschaften, die Erling ausmachen. Wut und Verzweiflung, aber niemals Demut, spiegeln sich in seiner Mimik wider und seine kraftstrotzende Physis unterstreicht eindrucksvoll seinen ungebrochenen Willen. Dem gegenüber steht der blonde, angepasste Olav, der sich schon seit sechs Jahren knechten lässt und sich offenbar gut mit dem System und dem Direktor arrangiert hat. Er will seine baldige Entlassung nicht gefährden und verschließt die Augen vor den Ungerechtigkeiten, die ihm und den anderen tagtäglich widerfahren. Die Rolle wird von Schauspieldebütant Trond Nilssen mit zunehmend intensiver Verve gespielt und gipfelt in zügellosem, gewalttätigem Aufbegehren gegen seine Peiniger. Doch auch die anderen Jungschauspieler, Magnus Langlete etwa als Opfer des pädophilen Bråthen, spielen so gut, dass man sich tatsächlich im Norwegen des frühen 20. Jahrhunderts wähnt und Leid, Wut und Pein aller Insassen bestens nachvollziehen kann. Dass Stellan Skarsgård und Kristoffer Joner, diese grandiosen nordischen Mimen, darstellerisch über jeden Zweifel erhaben sind, merkt man schon daran, dass man Bråthen praktisch von der ersten Szene an hasst und aus Bestyreren erst gen Ende wirklich schlau wird, da es Skarsgård hervorragend gelingt, seinen Direktor zwischen eigennütziger Gier, Arroganz, aber auch scheinbar menschelndem Verständnis und angeblichem Gerechtigkeitssinn wandeln zu lassen.
Was soll ich sagen? "King of Devil's Island" ist ein kleines Meisterwerk, das sich Zeit für seine Figuren nimmt und die Geschehnisse auf Bastøy so beeindruckend zum Leben erweckt, dass man tief bewegt und erschüttert aus diesem Film herauskommt. Die Darstellungen der Laiendarsteller sind ergreifend authentisch, die der "alten Hasen" sowieso über jeden Zweifel erhaben und die Geschichte, die Marius Holst hier so einfühlsam wie bestürzend erzählt, arbeitet ein dunkles Kapitel der norwegischen Gefängnisgeschichte bestmöglich auf. Und genau dafür gehe ich ins Kino, damit ein Film solche Emotionen in mir erzeugt, mich so bewegt und beeindruckt, dass ich einfach nur glücklich bin, über dieses cineastische Kleinod gestolpert zu sein. Volle fünf von fünf juvenilen Aufständen, die die Unterdrücker endlich ihrer gerechten Strafe zuführen.