Die beiden Autoren Hans-Günter Rolff und Peter Zimmermann legen in ihrem Buch "Kindheit im Wandel" eine Einführung in die Sozialisation im Kindesalter vor. Das Buch wurde hierzu in 3 Teile gegliedert:
Teil I: Sozialisation zwischen allseitiger Erfahrung und einseitiger Reduzierung
Im ersten Teil skizzieren die Autoren zunächst den Bereich, um den es geht. Es wird ein kurzer Abriß über die Entwicklung der "Kindheit" als eigenständiger Raum der Entwicklung des Menschen gegeben. Hierbei stellen sie heraus, dass die Kindheit, so wir sie heute verstehen, historisch betrachtet noch gar nicht so lange gibt, sondern sich erst im Laufe des 16. Jahrhunderts herausgebildet hat. Anschließend stellen sie zwei konträre Thesen der populärsten Kindheitsforscher gegenüber: Auf der einen Seiten die Behauptung Ariès, dass die Geschichte der Kindheit als Verfallsgeschichte zu bewerten sei und auf der anderen Seite die Ansicht von de Mause, der sie als Fortschrittgschichte ansieht. Unstrittig ist bei beiden die Sonderstellung, die die Gruppe der Kinder in der Gemeinschaft einnehmen. Für die Autoren gibt es jedoch keine Schwarz-Weiß Malerei. Vielmehr wollen sie aufzeigen, wie im Rahmen der Sozialisation sowohl positive wie auch negative Elemente auf die Kinder einwirken, die in ihrer Gesamtheit häufig zu einem widersprüchlichen Verhältnis führen.
Eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen stellt die Familie dar. Die Familie als solche wird daher konsequenterweise als nächstes näher beleuchtet und Aussagne mit statistischem Material untermauert. Was unter einer Familie zu verstehen ist, hängt von den kulturellen Umständen der Zeit ab. Die traditionelle Vorstellung von Familie mit Ehepartner und ein oder mehreren Kindern ist ein Konstrukt vom bürgerlichen Familienideal, welches eine klare Rollenverteilung vorsah. Der Vater war derjenige, der für das Einkommen der Familie sorgte, die Mutter, die sich um die Erziehung und den Haushalt kümmerte, und die Kinder mussten sich gehorsam fügen. Diese "Idealvorstellung" ist seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts an schwinden, da u.a. das feste Rollenverständnis innerhalb der traditionellen Familie nicht mehr bedingungslos hingenommen wurde. Seitdem haben sich eine Reihe von alternativen Lebensformen herausgebildet. Anhand von älterenen Statistiken (Buch ist schon etwas älter) belegen die Autoren, dass Pauschalisierungen, wie z.B. dieses Kind verhält sich anders weil es ein Einzelkind ist usw. nicht angebracht sind, da es keine eindeutigen Belege gibt, die eindeutig negative oder positive Auswirkungen belegen können.
Die Autoren versuchen mit ihrem Buch u.a. zu erläutern, dass sich aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen in ihrer Gesamtheit die Struktur der Psyche der Kinder wandelt. Um dies zu verdeutlichen, beschreiben sie die Geschlechtsozialisation anhand von drei Erklärungsansätzen: aus Sicht der Psychoanalyse, der Lerntheorie und der Kognitionspsychologie. Auf Basis der Arbeiten von Freud, kann sich dem Aufbau der inneren Psyche des Kindes angenähert werden. Allerdings stimmen die Autoren Freud nicht in allen Punkten bedingungslos zu. So kann das Freudsche Modell von der Entstehung des Ich-Überichs und Es aufgrund der heutigen Familienverhältnisse nicht mehr bei allen möglichen Formen von Familienverhältnissen als Schablone dienen, weil die Grundannahmen, die dem Modell zugrunde liegen nicht vorhanden sind. Das Modell beschreibt aber dennoch sehr eindringlich, wie sich die innere Psyche des Kindes entwickeln kann.
Teil II: Beschreibung und Analyse des Wandels
Die Autoren beschreiben den Wandel anhand der geänderten Umweltbedingungen für heutige Kinder im Vergleich zur Nachkriegsgeneration. Es läßt sich dabei vor allem Feststellen, dass ein Trend zu beobachten ist, in welchem die Kinder viel mehr Zeit innerhalb der Wohnung verbringen als draussen. Die Kinder werden zunehmend auf ihre Spezialräume = Kinderzimmer verwiesen. Hierdurch ist die Kontrollmöglichkeit der Eltern über das Kind gewachsen. Der Aufenthalt in den Kinderzimmern verführt zur einer verstärkten Beschäftigung mit vorgefertigten Spielzeug.
Ursprüngliche Bereiche des Spielen, wie z.B. die Straße, sind zunehmend für die nachwachsende Generation so gefährlich geworden, dass besorgte Eltern ihre Kinder zu Vereinen oder anderen Treffpunkten mit dem Auto kutschieren. Empirische Untersuchungen belegen jedoch, dass für Kinder die Straße zu ihren Lieblingsplätzen zählt. Sie ist ihnen auf der einen Seite vertraut, auf der anderen ist hier immer etwas neues zu erleben.
Kinder werden zunehmend in einer passiven Rolle gedrängt, die viel Langeweile bei den Betroffenen hervorrufen. Ein registriertes übermäßiges Konsumverhalten dient als Langweilekiller.
Teil III: Konturen eines neuen Sozialcharakters - Fazit und Erklärungsversuche
Als Einstieg für die Thematik ist das Buch geeignet, allerdings ist das Datenmaterial, was verwendet wurde, nicht mehr auf dem aktuellsten Stand. Das kann zwar nicht verwundern, da die 6. Auflage von "Kindheit im Wandel" bereits 2001 erschien, allerdings habe ich hierfür zwei Sterne abgezogen. Die Grundansichten sind jedoch nach wie vor aktuell und diskussionswürdig und eignen sich meiner Meinung nach sehr gut,um sich intensiver mit der Sozialisation im Kindesalter auseinanderzusetzen.