Sprachphilosophische und geschichtsphilosophische Komplikationen im Gespräch mit Benveniste, Wittgenstein, Heidegger, Foucault und Benjamin.
Wieder ist eines dieser abgründig-schwierigen Bücher von Agamben mit einem beinahe unschuldigen Titel: Kindheit und Geschichte. Zerstörung der Erfahrung und Ursprung der Geschichte auf deutsch erschienen. Das Buch ist zuerst 1978 auf italienisch erschienen und wurde dann von Agamben für die italienische Neuausgabe von 2001 überarbeitet und erweitert. Die erweiterte Neuausgabe liegt jetzt also auf deutsch vor. Auch bei diesem Band stellt sich eine Frustration schnell ein, wenn man nicht mit den Grundfrage der modernen Philosophie nach Wittgenstein, Heidegger, Benveniste, Foucault und Derrida vertraut ist, denn hinter dem beinahe naiven Titel verbergen sich die komliziertesten Reflexionen über die Sprache, die ich seit Heideggers Vortrag über Das Wesen der Sprache (1957) gelesen habe. Darüber hinaus spricht er aber auch ein im weitesten Sinne geschichtsphilosophisch interessiertes Publikum an.
Agamben schreibt im Vorwort das Projekt seines Werkes beschreibend: Wenn es für einen Autor eine Fragestellung gibt, die das motivum seines Denkens definiert, so fällt das Feld, das diese Fragen umreißen, restlos mit dem zusammen, auf das sich meine ganze Arbeit zubewegt. In meinen geschriebenen und ungeschriebenen Büchern habe ich immer wieder nur eines zu denken wollen: Was bedeutet: Es gibt Sprache, was bedeutet Ich spreche? Denn es ist klar, dass weder das Sprecher-Sein noch das Gesprochen-Sein, das jenem a parte objeti entspricht, reale Prädikate sind, die mit dieser oder jenen Eigenschaft identifiziert werden könnten. Sie stellen vielmehr transcendentia im Wortsinne mittelalterlicher Logik dar, d.h. Prädikare, die jede Kategorie transzendieren, obwohl sie in jeder enthalten sind. Sie müssen genauer als Archi-Transzendentalien oder als Transzendentalien der zweiten Potenz gedacht werden. (...) Derjenige, der das experimentum linguae vollzieht, muss sich deswegen in einer vollkommen leeren Dimension aufs Spiel setzen, in der nichts als die reine Äußerlichkeit der Sprache vor sich findet, jenes etalement du langage en son etre brut, von dem Foucault spricht. In Kindheit und Geschichte liegt der Ort einer solchen transzendentalen Erfahrung in jeder Differenz zwischen Sprache und Rede, die in keiner Sprachreflexion umgangen werden kann (p. 11). Im ersten Abschnitt dieses Buches mit dem Tiel versucht Agamben das Terrain dieses ambitionierten Projekts zu umreißen. Dieser Abschnitt ist der Schwierigste des gesamten Buches.
Gefolgt wird dieser Abschnitt von einer hinreißenden Reflexion über Das Land der Spielzeuge, die die Thesen aus Agambens Profanierungen (dt, 2006) zum Ritus und zum Spiel vorwegnimmt. Ein weiterer Abschnitt beschäftigt sich mit den abendländischen Hauptfiguren der Zeit- und Geschichtsphilosophie von den Griechen über die Gnosis bis zum materialistischen Geschichtsbild, der Bibliotheken von Aufsätzen überflüssig macht. Daran schließt ein schwieriger Essay über eine Methodenfrage bei Adorno und Benjamin um 1938 an, der für Spezialisten in Sachen Materialismus hoch interessant sein dürfte. Den letzten Abschnitt bilden zwei kurze Abschnitt über Fabel und Geschichte, sowie über das Programm für eine Zeitschrift.
Aufgrund der anspruchsvollen Vielschichtigkeit dieses Bandes möchte ich 5 Sterne vergeben. Obwohl der erste und längste Abschnitt den Leser vor extreme Schwierigkeiten stellt, kann der Band durch seine gedankliche Variabilität und Tiefe voll und ganz überzeugen.