Sigmund Freud zitierte mit Vorliebe Rückerts tröstende Erkenntnis: Was man nicht erfliegen kann, muß man erhinken. Doch heute ist Friedrich Rückert mit Ausnahme einiger Sprach-Juwelen, die sich im allgemeinen Wort-Schatz erhalten haben, praktisch unbekannt. Leser der Fackel kennen Rückert noch im Zusammenhang mit einem gegen Karl Kraus gerichteten Plagiatsvorwurf, besonders aber als Lieblingsdichter jenes Polizeipräsidenten Schober, der für das Blutbad anläßlich des Justizpalast-Brandes verantwortlich war. Bekannter ist Rückert freilich durch Gustav Mahler, der einige ausgewählte Texte vertont und dabei unnachahmlich vorgeführt hat, wie diese naiv empfindsamen Gedichte zu interpretieren sind, damit sie das Publikum zutiefst berühren. Wollschläger erweist Rückert nun jene Reverenz, die diesem durch Mahler zugewachsen ist. In seiner Einleitung untersucht er an Rückert das Phänomen der Kreativität, das er vom Geburtstrauma ableitet und als nahen Verwandten der Psychose auffaßt: Rückerts eigentliche Gesellschaft bildeten die kleinen Zettel, die er immer, bei allen Weltgängen, in der Rocktasche bei sich trug - oberflächlich um Beobachtetes zu notieren, in Wahrheit um sich jederzeit an seinen Texten als dem ihm einzig möglichen, nicht-fremden Mit-Ich festhalten zu können. Daneben unternimmt er eine Neubewertung des als zweitrangig beurteilten Lyrikers Rückert, bei der er m(it)unter jegliches kritische Maß vernachlässigt, was zu einer sprachlich und gedanklich gediegenen Verklärung Rückerts führt. Daß Rückerts literarische Bedeutung nicht nur von der Fachwelt als zweitrangig eingestuft wird, beweist auch Gustav Mahler, der an Rückert gerade das Unvollkommene geschätzt hat. Denn Mahler kam es wie Barbarei vor, wenn Musiker es unternehmen, vollendet schöne Gedichte in Musik zu setzen. Das sei so, als wenn ein Meister eine Marmorstatue gemeißelt habe und irgend ein Maler wolle Farbe darauf setzen. Die unterschiedliche Qualität seines Gesamtwerks war sogar Rückert selbst bewußt: Hätt' ich den Vers, an dem du nichts hast, nicht gemacht, / Hätt' ich auch die, woran du viel hast, nicht erdacht. Seine Kindertodtenlieder entspringen einem besonders traurigem Anlaß. Knapp nach Weihnachten 1833 erkrankte sein jüngstes Kind, die einzige Tochter, Luise, an einem epidemischen Scharlachfieber, dem sie zu Silvester erlag. Mit ihr erkrankten vier Geschwister, von denen zwei Wochen später noch der jüngste Sohn, Ernst, verschied. Verzweifelt versuchte Rückert dieses Unglück mit dem bewährten Allheilmittel Kunst zu bewältigen: Rückert hat diesen Schicksalsschlag nie verwunden. Er versuchte seiner Untröstlichkeit Herr zu werden, wie er es immer getan hatte: schreibend, das Unsägliche in die Sagbarkeit überführend, es bändigend in Form; bis in den Sommer hinein kamen Blatt für Blatt, täglich bis zu vier Gedichten, die »Kindertodtenlieder« zu Papier: fast ein halbes Tausend insgesamt. Die mit geübter Hand rasch hingeschriebenen Gedichte sind schlicht, naturverbunden und bewirken beim Leser eine Empfindsamkeit, die ihn in der Folge das Mit-Leid lehrt. Lediglich wo Rückert künstlich bemüht ist, Formales zu erfüllen, kommt der Gedanke zu kurz, wird der Zweck, die ihn beruhigende Red-Seligkeit, störend offenbar. Rückert hat die Kindertodtenlieder nie veröffentlicht, so daß sie erst von seinem Sohn, Heinrich, aus dem Nachlaß herausgegeben wurden. Er wird im Klappentext als verdienter Philologe gewürdigt, von Wollschläger aber der editorischen Bedenkenlosigkeit bei der posthumen, philologisch skandalösen Ausgabe bezichtigt. Trotzdem folgt Wollschläger, von wenigen Ausnahmen abgesehen, dieser von ihm beanstandeten Erstausgabe. Seine Edition berücksichtigt nun aber auch jene beiden Porträts der verstorbenen Kinder, die Rückert wiederholt erwähnt, sowie jene Aufzeichnungen zum Kindertod, die von der Mutter stammen. Ihre einfachen Notizen, die hier erstmals veröffentlicht werden, berühren den heutigen Leser - selbst dort, wo sie beharrlich in naiven Glauben Zuflucht suchen. © Andreas Weigel