Bewertung
Die "Kindersprechstunde" lässt sich in drei Teile untergliedern, die inhaltlich an den meisten Stellen miteinander verwoben sind. Neben dem medizinischen Teil enthält das Buch pädagogische Anregungen sowie auch weltanschauliche Ansichten der anthroposophischen Geisteswissenschaft. Diese Kombination kann allerdings Leserinnen und Lesern, die sich bisher noch nicht näher mit der Anthroposophie auseinander gesetzt haben, den Zugang zu diesem Ratgeber erschweren, da sie mit vielerlei vielleicht befremdlich wirkenden Anschauungen konfrontiert werden. Aus diesem Grund kann dieser Ratgeber besonders solchen Eltern ans Herz gelegt werden, die sich schon eingehender mit der Anthroposophie beschäftigt haben und diese auch in ihrem privaten Umfeld leben.
Zum medizinischen Teil des Buches
Der medizinische Teil des Ratgebers ist ganz ohne Frage sehr hilfreich und wartet mit vielen wichtigen und hilfreichen Informationen auf. Sehr nützlich sind auch die leicht verständlichen Anleitungen für Wickel, Auflagen und dergleichen im Anhang des Buches, die sich gerade auch von Anfängern gut umsetzen lassen. Die Auswahl der beschriebenen Krankheitsfälle und 'situationen ist sehr groß und gibt eine nahezu vollständige Übersicht über die alltäglichen Krankheiten und Probleme im Säuglings- und Kleinkindalter. Lediglich das Kapitel über die verschiedenen Impfungen ist etwas dürftig gehalten. Für Eltern, die sich genauer mit dem Thema Impfen auseinander setzen wollen, kann es zwar als Einstieg dienen, allerdings gibt es andere Quellen, die zur Entscheidungsfindung besser geeignet sind, da sie sich ausführlicher und differenzierter mit den einzelnen Impfungen beschäftigen.
Ratgeber mit anthroposophischer Weltanschauung
Die "Kindersprechstunde" richtet sich nach eigener Aussage an junge Eltern, die durch die Lektüre des Ratgebers Sicherheit im Umgang mit ihrem gesunden und kranken Kind gewinnen sollen. Doch gerade für diese Zielgruppe kann das Buch nur bedingt empfohlen werden.
So müssen die Teile des Buches, die sich mit der Pädagogik und der anthroposophischen Weltanschauung beschäftigen, besonders aufmerksam gelesen und für das eigene Leben hinterfragt werden. Können die medizinischen Bereiche des Ratgebers noch von allen Interessierten gelesen werden, die auf der Suche nach einem guten und ausführlichen Ratgeber sind, sind die anderen Bereiche eher einem Personenkreis vorbehalten, der fest der Anthroposophie verhaftet ist. Denn hier werden viele fragwürdige und zum Teil auch schlichtweg veraltete pädagogische und weltanschauliche Ansichten als Tatsachen dargestellt, denen nicht einfach so zugestimmt werden kann, sondern teilweise eher noch entschieden widersprochen werden muss. Ob es sich dabei um die Betrachtungen zur Kartoffel oder zum Thema AIDS handelt, ob es um den veralteten und bedenklichen Umgang mit der Linkshändigkeit oder auch der Sexualität von kleinen Kindern geht, oder auch um die Herangehensweise und Ausgangsvoraussetzungen zur Sauberkeitserziehung. Oft lesen sich die Anregungen, als seien sie eher einem altmodischen Erziehungsratgeber unserer Groß- und Urgroßeltern entnommen als einem modernen und neu aufgelegten Buch aus dem 20. Jahrhundert.
Fazit
Für anthroposophische Eltern, die bereits ein oder mehrere Kinder, oder schon Vorerfahrungen im Feld der Kindererziehung haben, kann die "Kindersprechstunde" durchaus als nützliches und sinnvolles Nachschlagewerk betrachtet werden, das dabei behilflich sein kann, Fragen zu klären und Anregungen zu vermitteln. Eltern, für welche die Erziehung von Kindern aber Neuland bedeutet und die sich der Anthroposophie bisher auf einem modernen, undogmatischen Wege genähert haben, sei eher dazu geraten, sich dieses Buch einmal zur Ansicht zu bestellen und genau zu prüfen, ob sie mit den dort angeführten Erziehungsratschlägen und 'praktiken übereinstimmen können oder nicht.